Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kreuzungen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Irritieren

hantieren

Hängematte

Nichtsdestotrotz

Muffensausen

 

 

Wenn sich Esel und Pferde paaren, sind die Jungen Mischlinge: Maultiere oder Maulesel – Kreuzungen zwischen den beiden Unterarten der Pferdeähnlichen. Ähnliche Kreuzungen gibt es auch in der Sprache:

Irritieren ist eine Kreuzung von lateinisch irritare 'reizen' und deutsch irren 'unsicher sein'. Die Form stammt aus dem Lateinischen, die Bedeutung 'irre machen, verunsichern' aus dem Deutschen.
Ähnlich überschneiden sich in hantieren französisch hanter 'aus- und eingehen' (von Kaufleuten) und deutsch handeln 'tätig sein' (auch kaufmännisch). Neue Bedeutung: 'mit den Händen etwas tun'.

Die Hängematte wurde in der Karibik erfunden und hieß ursprünglich hamaka. Die moderne Bezeichnung deutet diesen Gegenstand als 'hängende Schlafmatte'. Hier hat sich also die fremde Namensform mit einer einheimischen Deutung vermischt. Dabei wurde die Schreibung verändert.

Bei Nichtsdestotrotz überschneiden sich zwei Ausdrücke mit ähnlicher Bedeutung, nichts desto weniger und trotzdem. Letzteres bedeutet 'aus Trotz gegen alle Einwände'. Ersteres ist dem lateinischen nihilo minus 'um nichts weniger' nachempfunden, d.h. ich halte meine Gründe für nicht weniger wichtig: "Es regnete in Strömen. Nichtsdestoweniger ging er spazieren", der Regen hätte ihn eigentlich abhalten sollen. Er kümmerte sich nicht darum, sondern blieb seinem Vorsatz treu, täglich einen Spaziergang zu machen. Der Ausdruck nichtsdestotrotz ist erst ein paar Jahrzehnte alt. Er ist zwar nicht korrekt, ist aber in die Schriftsprache eingedrungen.

Ein besonders komplizierter Fall ist Muffensausen: "Jemand hat Muffensausen" meint: jemand hat etwas angefangen und Angst vor den Folgen bekommen. Dieser Ausdruck ist eine Kreuzung aus älterem "jemand hat Muffen" und "jemand hat Aftersausen". Letzteres hängt wohl mit den Verdauungsschwierigkeiten zusammen, die uns quälen, wenn wir Angst haben.

Eine Muffe ist eigentlich ein 'röhrenförmiges Verbindungsstück', abgeleitet von Muff 'ein röhrenförmiges Stück Pelz, in dem man die Hände wärmen kann'. "Muffen haben" erinnert an das ältere "Manschetten haben". Dieser Ausdruck stammt aus der Studentensprache. Wer Manschetten 'aufwändig verzierte Ärmelaufschläge' trug, galt als verwöhntes Muttersöhnchen, das nicht wagte, tapfer seinen Degen zu gebrauchen. – Amüsanter, wenn auch weniger wahrscheinlich, ist eine andere Erklärung, dass sich manche Studenten vor der Prüfung einen Spicker auf die Hemdmanschetten geschrieben hätten. Das setzt eine spätere Mode mit glatten Manschetten voraus. Da das Jackett dieses unerlaubte Hilfsmittel verdeckte, merkten die Prüfer nichts. Wer so präparierte Ärmelaufschläge trug, war sich seiner Sache nicht sicher und hatte berechtigte Angst vorm Examen.

Nachtrag 2013: Muffen ist eine Weiterbildung aus Muff 'modriger Geruch, Mief, muffige Laune'. Wenn jemand sagt "Ich habe Muffen", weiß man nicht immer, ob er sich ärgert oder fürchtet.
"Muffen haben" habe ich 1981 von einem Jugendlichen gehört, anscheinend ein junger Ausdruck der damalige Jugendsprache.
Bei KüpperU (1997 / 2004) steht er noch nicht.

   

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 29 06.2004

Aktuell: 15.07.2016