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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Böhmische Dörfer

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Ortschaften in Tschechien tragen Namen, deren Bedeutung wir nicht verstehen. Daher sagte man schon 1595 „Das sind für mich böhmische Dörfer“, Dörfer mit tschechischen Namen, das heißt: das verstehe ich nicht, ich weiß es nicht. Eine makabre Bedeutung bekam die Redensart hundert Jahre später, als durch verschiedene Kriege viele „böhmische Dörfer“ total zerstört waren. Es gab sie nicht mehr. Ihre Namen sagten auch jüngeren Tschechen nichts.

Etwa um dieselbe Zeit kam die Redensart auf „das kommt mir spanisch vor“, das ist mir fremd. Zu Beginn der Neuzeit war Spanien eine Großmacht. Spanische Sitten und Gebräuche wurden auch in Deutschland imitiert. Vieles Fremde war eben „spanisch“.

Die Spanier sehen das anders. Wenn ihnen etwas fremd ist, sagen sie: „eso es chin para mi“, das ist für mich chinesisch. Das Chinesische ist auch für uns Inbegriff einer unverständlichen und schweren Sprache. Wir gebrauchen dieses Wort, wenn es um für Laien unverständliche Fachsprachen geht, zum Beispiel Beamtenchinesisch, Computerchinesisch.

Auch andere romanische Sprachen wie Französisch und Italienisch sind für uns unverständlich. Früher nannte man diese Sprachen welsch. Wenn sich jemand unverständlich ausdrückte, bat man, nicht zu „welschen“, sondern „deutsch zu reden“. Damit war nicht gemeint, diese Person solle nicht so viele Fremdwörter gebrauchen, sondern sich klar und einfach ausdrücken und nicht so komplizierte Sätze bilden.

Von welsch kommt das Wort Kauderwelsch ‚unverständliches Gerede’, heute meist von einer Mischung aus mehreren Sprachen. Kaudern bedeutet ‚unverständlich sprechen’, dazu in unsrer Mundart auch kodern ‚lallen’ (von kleinen Kindern), kuddern ‚murren, quengeln’. Grundbedeutung: ‚Silben oder Worte wiederholen’, zu mittelhochdeutsch koden ‚sprechen’.

Die Engländer sagen dafür double Dutch, eigentlich ‚doppeltes Holländisch’, das für die Briten unverständliche Holländisch und dann auch noch gemischt mit einer anderen Sprache. Die Holländer nannten im Mittelalter ihre Sprache „Deutsch“, daher der englische Ausdruck.
Deutsch bezeichnete zur Zeit Karls des Großen die Dialekte der germanischen Bevölkerung im Unterschied zum Romanischen und Lateinischen. Als „deutsch“ galten nicht nur die deutschen, niederländischen und friesischen Dialekte, sondern auch das Altenglische, das damals dem Plattdeutschen noch sehr ähnlich war.

Deutsch ist für uns der Inbegriff des Verständlichen. Unsere östlichen Nachbarn, die Slawen, sehen das anders. Sie nennen sich selbst Sloveninj ‚Leute des Worts’, Slawen (zu slovo ‚Wort’) im Unterschied zu uns Nemecy, ‚stummen Deutschen’ (nemec ‚stumm’), mit denen man sich nicht unterhalten kann.

   

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Datum: 27.07.2004

Aktuell: 26.07.2016