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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schule

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schule

Kindergarten

Universität

Elfenbeinturm der Wissenschaft

PISA-Studie

 

 

Wenn ein heutiger Jugendlicher sagt: „Ich habe Schule“, dann denkt er daran, dass er früh aufstehen, den ganzen Vormittag im Unterricht sitzen und nachmittags auch noch Aufgaben machen muss. Wenn dagegen ein antiker Grieche sagte: „Scholên écho“, dann meinte er genau das Gegenteil: Nicht „ich habe Schule“, sondern „ich habe frei“. Scholê war ursprünglich die arbeitsfreie Zeit, in der man sich ausruhen konnte, aber auch lesen, Vorträge hören, sich weiterbilden, studieren. Später nannte man den Ort, wo man Vorträge hören konnte, ebenfalls scholê, lateinisch schola, daher unser Wort Schule. Gemeint war also zunächst das ‚Schulgebäude’, daraus ‚Lehranstalt’. Da in der Schule junge Menschen heranwachsen, konnte man dieses Wort auch auf andere Bereiche anwenden (Baumschule ‚Ort, wo Bäume heranwachsen’). Schon in der Antike konnte schola auch ‚Gruppe’ bedeuten, daher reden wir von einer Schule Delfine (oder zu altsächsisch skola ‚Schar’? Vielleicht zu Scholle ‚Erdklumpen’, eigentlich ‚Abgetrenntes, Abteilung’). Das Bild von der Baumschule (erstmals 1721) hat anscheinend zurückgewirkt auf den Kindergarten (1840 von Friedrich Fröbel für seine neue Vorschule geprägt und als Fremdwort ins Englische, als Lehnübersetzung jardin d'enfants ins Französische übernommen): Hier reift der Nachwuchs heran.

Heute unterscheiden wir zwischen verschiedenen Schularten: Grundschule, höherer oder weiterführender Schule, Hochschule. Für Hochschule sagen wir auch Universität, von lateinisch universitas ‚die Gesamtheit (der Wissenschaften)’.
Die einzelnen Wissenschaftszweige werden an den Fakultäten gelehrt (zu lateinisch facultas ‚Befähigung, Talent’). Die Dozenten (lateinisch docens ‚lehrend’) und Professoren bildeten im Mittelalter das Collegium facultatis ‚Gemeinschaft des Fachbereichs’, zu dem später auch die Studenten gezählt wurden. Aus diesem Begriff hat sich deutsch Kolleg ‚Vorlesung’ und englisch College ‚Art höhere Schule’ entwickelt. Die an einer Hochschule lernen, nennen wir Studenten, zu lateinisch studére ‚sich eifrig um etwas bemühen’, studium ‚eifriges Bemühen’. An der Universität genügt es nicht, wie an der Schule aufmerksam an den Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen und fleißig Aufgaben zu machen, man muss sich dort selbst drum bemühen, dass man etwas lernt.

Kindergarten, Schule und Universität sollen die jungen Menschen aufs Leben vorbereiten und ihnen die Kenntnisse vermitteln, die sie für ihre spätere Tätigkeit brauchen. Die Professoren der Universität betrachten sich aber nicht nur als Lehrer, sondern auch als Wissenschaftler und betreiben Wissenschaft und Forschung als Selbstzweck. Mitunter wirft man ihnen vor, sie würden sich weltfremd in einen „Elfenbeinturm der Wissenschaft“ zurückziehen, also in ein kostbares, aber unpraktisches Gebäude. Diese Redensart wurde von dem französischen Schriftstellers Charles-Augustin Sainte-Beuve geprägt, der 1835 mit tour d’ivoire ‚Turm aus Elfenbein’ die weltfremden Bücher eines Kollegen kritisierte. Letztlich stammt dieses Bild aus der Bibel: Im Hohen Lied 7,5 wird der schlanke elfenbeinfarbene Hals der Geliebten mit einem Elfenbeinturm verglichen.
Die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment 'Programm für internationale Schülerbewertung' 2000) hat festgestellt, dass das Gebäude der Wissenschaft wie der berühmte schiefe Turm von Pisa auf sehr unsicherem Untergrund steht. Ob es uns gelingt, das Fundament, die Schule, so zu stabilisieren, dass künftige Generationen und künftige Wissenschaft darauf aufbauen können?

 

 

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Datum: 04.09.2004

Aktuell: 11.06.2016