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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Verstehen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schwerhörige können ihre Mitmenschen nur mühsam verstehen. Selbst mit Hörgerät nehmen sie leichte Nuancen der Sprache nicht wahr, verwechseln ähnlich klingende Wörter oder finden sich im Stimmengewirr nicht zurecht. Aber auch da, wo die Akustik gut ist, merken sie, wie schwierig es ist, sich zu verständigen und wie leicht es zu Missverständnissen kommen kann.
Denn Verstehen ist viel mehr als nur gesprochene Worte klar und deutlich wahrnehmen. Dazu gehört auch, dass die Gesprächspartner die gleiche Sprache beherrschen. Auch das nützt nicht viel, wenn sie nicht alle die Sache kennen, von der gesprochen wird. Eine Pharmazeutin und ein Maschinenbauer werden Mühe haben, über ihre Fachgebiete tiefsinnige Gespräche zu führen. Zum Verstehen gehört schließlich auch, dass wir das Gehörte mit unserem bisherigen Wissen verknüpfen können und Einfühlungsvermögen haben. Von Menschen, die gut miteinander auskommen, sagen wir „sie verstehen sich gut“, d.h. sie können sich in Gedanken und Gefühle des anderen hineinversetzen.

Wer überhaupt nicht begreift, wovon die Rede ist, sagt: „Ich verstehe nur Bahnhof“. Der Ausdruck soll gegen Ende des 1. Weltkriegs entstanden sein: Die Soldaten warteten darauf, nach so langer Zeit endlich wieder mit der Bahn nach Hause zu dürfen. Ihre Gespräche drehten sich nur noch um „Bahnhof und Abfahrt“. Wenn jemand ein anderes Thema anschnitt, erhielt er die Antwort: „Ich verstehe nur Bahnhof“, alles andere interessiert mich nicht. Die Redensart hatte also ursprünglich eine etwas andere Bedeutung: nicht „ich weiß nicht, wovon du redest“, sondern „ich will davon nichts wissen.“

Missverständnisse kommen oft dadurch zustande, dass wir meinen, der andere wisse schon, was wir sagen wollen. Sie lassen sich vermeiden, wenn wir alles sagen, exakt formulieren, genau aufmerken und zwischen den Zeilen lesen lernen.

Was haben Wahrnehmen und Erkennen einer Information, Verstehen mit stehen zu tun? In den alten germanischen Dialekten bedeuteten die Vorformen des Wortes auch ‚stehen bleiben; sich davor stellen, sich vor jemand stellen und verteidigen; im Weg stehen, versperren’. Verstehen im Sinne von ‚einsehen’ könnte also bedeuten ‚davor stehen und genau beobachten und zuhören’. Darauf kommt’s nämlich an, wenn wir einander verstehen wollen.

Für das akustische Verstehen sagen wir auch einfach hören, fürs geistige auch begreifen oder in der Umgangssprache kapieren (zu lateinisch capere ‚fassen’): Wir haben als Babys ja damit angefangen, die Welt zu verstehen, indem wir alles mit den Händen abgetastet und damit „begriffen“ haben. Manche sagen auch dafür raffen ‚erfassen’ oder schnallen ‚etwas bewältigt haben und zusammenschnüren’, daher ‚begreifen’.

   

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Übersicht

 

Sprachecke 07.10.2014

 

Datum: 21.09.2004

Aktuell: 12.10.2016