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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Neuer Wein

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Federweißer

andre Ausdrücke

neuer Wein

Most

trocken

Sekt

Leserbrief

 

 

Neuer Wein, der noch am Gären ist, heißt hier zu Lande Federweißer. Meist ist es angehender Weißwein, der so genannt wird. Manchmal wird aber auch roter neuer Wein ausgeschenkt. Heißt der dann Federroter?
Federweiß war eine alte Bezeichnung des Alaun, eines Kalium-Aluminium-Sulfats, das mitunter in Form von Federn oder Flocken in der Natur zu finden ist. Alaun wurde früher benutzt, um den Wein zu „schönen“, daher federweißer Wein. Diese Bezeichnung hat sich selbständig weiter entwickelt, obwohl Alaun schon lange nicht mehr zur Weinherstellung benutzt wird, daher Federweißer ‚neuer Wein’ wie bei uns oder Federweiß ‚Weißwein aus Blauburgunder’ in der Schweiz.
Da weiß eine Eigenschaft des Zusatzmittels und nicht der Weinfarbe war, kann man auch neuen Rotwein
Federweißen nennen. Stattdessen hat sich in den letzten Jahren die Bezeichnung Federroter durchgesetzt – ein Ausdruck, der ohne weiteres verständlich ist.

Ein sachlich zutreffenderes Wort für das schäumende Getränk ist Rauscher, weil der neue Wein rauscht und Kohlendioxid abgibt. Daher heißt er auch in Baden Sauser, in Unterfranken Bremser, in Süddeutschland Bitzler, in Österreich Sturm. In Gegenden ohne Weinbau bezeichnet Rauscher den halbfertigen Apfelwein, in der Fachsprache der Winzer ist es eine von mehreren Vorstufen vom Süßen zum fertigen Wein.

Ein neuer Wein ist noch am Gären, im Unterschied zum jungen Wein, der zwar nicht mehr gärt, aber noch nicht ausgereift ist. Alten Wein, der mitunter unangenehm schmeckt, nennt man firn (althochdeutsch ‚alt’).

Grundlage aller Weinzubereitung ist der frisch gekelterte Saft, der auch Most genannt wird. Auch hier gibt es landschaftliche Unterschiede: Manche verstehen unter Most auch Federweißen oder Apfelwein im Unterschied zum Süßmost, dem unvergorenen Apfelsaft. Das zugrunde liegende lateinische mustum hatte die Bedeutung ‚unvergorener Saft’, abgeleitet von mustus ‚frisch, neu’.

Seit etwa zwanzig Jahren bevorzugen wir trockene“ Weine. Die „lieblichen“ waren in Misskredit geraten, nachdem man als Süßmittel Glykol zugesetzt hatte. Der „trockene“ Wein ist voll ausgegoren und hat mindestens so viel Säure wie Zucker. Trocken bedeutet hier ‚ohne Zusatz, roh’, wie unser Trockenbrot (ohne Brotaufstrich) zeigt. In Frankreich sagt man boire sec ‚Wein trocken, unverdünnt trinken’. Normalerweise verdünnen die Franzosen Wein mit Wasser. Beim Sekt bezeichnet französisch brut ‚roh’ auch bei uns den höchsten Trockenheitsgrad neben trocken und halbtrocken.
Sprachecke 29.10.2013

Diese Bedeutung ‚trockner Wein’ hatte ursprünglich auch unser Wort Sekt (aus französisch vin sec, ähnlich englisch sack). Der Berliner Schauspieler Ludwig Devrient (um 1800) soll das Wort scherzhaft auf den Champagner übertragen haben.
 

   

   

Leserbrief:
Zum Thema "Neuer Wein" bzw. "Federweißer" habe ich eine interessante Erklärung gefunden, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

"Weit verbreitet ist der Irrtum, der Name Federweißer erinnere an Tausende wirbelnder Federn - ein Zustand des Federweißer im Endstadium der Gärung. Vielmehr stammt der Name aus dem altdeutschen Sprachgebrauch. Wurden aus Unachtsamkeit die Holzfässer bei gärendem Most vollständig verschlossen, so hat die entstehende Kohlensäure die Feder, (den Zwischenraum zwischen zwei Dauben) geweitet (aus weiten entstand weißen). Das Holzfass ist durch den enormen Druck zerborsten."
(Entnommen einem Handzettel der Firma Weingut Lauth & Sohn in Grossfischlingen)

Meine Antwort:
Die Erklärung war mir bekannt. Ich habe sie deshalb nicht erwähnt, weil sie aus sprachlichen Gründen unwahrscheinlich ist:
1. Federweiter wird nicht so einfach zu Federweißer; weit und weiß waren zu allen Zeiten in allen germanischen Dialekten sauber geschieden und nicht zu verwechseln (vgl. englisch wide / white).
2. Für das, was überschüssige Kohlensäure an Fässern anrichten kann, würden wir eher sprengen als weiten sagen.

 

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Datum: 26.10.2004

Aktuell: 26.03.2016