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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gutmenschen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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cool

taff

clever

smart

Gutmensch

Leserbrief

Gutleute

 

 

Wer Gutes von einem Menschen sagen will, bedient sich gern englischer Ausdrücke:

Wenn jemand überlegen über der Sache steht und sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt, nennen wir ihn cool, d.h. 'kühl, besonnen', nicht hitzköpfig und heißblütig.

Als taff gilt einer, der stark, robust und nicht empfindlich ist. Hier haben sich englisch tough (gesprochen taff) 'zäh' und jiddisch toff (hebräisch tov) 'gut' überkreuzt. Das englische Wort ist verwandt mit deutsch zäh 'fest, widerstandsfähig'. Noch bis vor kurzem hat man einen ausdauernden Menschen einen "zähen Burschen" genannt.

Clever ist die Eigenschaft eines gerissenen Geschäftsmanns, der seine Vorteile wahrzunehmen versteht. Das englische Wort bedeutet auch 'klug, geistreich, begabt' und 'technisch ausgeklügelt'. Treffende deutsche Wörter für clever sind 'geschäftstüchtig, gewitzt, gerissen, pfiffig, schlau'. Das Wort kam im späten Mittelalter in England auf und bedeutete 'geschickt, praktisch, angenehm'.

Ein anderes Modewort aus dem Englischen ist smart, das ursprünglich 'schmerzlich' bedeutet hat. Mit ihm bezeichnen wir Menschen, die nicht nur schlau sind, sondern auch elegant gekleidet. Schon im Mittelalter bekam dieses Wort die Bedeutung 'lebhaft, energisch'.
Der englischen Bedeutung kommt unser
flott ziemlich nahe, das außer 'flink, beschwingt' auch 'modisch, lebenslustig' bedeuten kann. Grundlage ist die Wendung "ein Schiff flott machen", das heißt wieder fahrbereit (zur niederdeutschen Form von fließen).

Wer alle diese geschätzten Eigenschaften hat, ist ein guter Mensch, aber kein Gutmensch. Diese Bezeichnung ist kein Lob, sondern ein milder Tadel.
Gutmenschen werden einerseits Menschen mit Idealen genannt. Ihre Gegner lehnen diese Ziele nicht ab, haben aber andere Vorstellungen, wie sie zu verwirklichen sind. Ein Gutmensch kommt so also leicht in den Ruf eines weltfremden Phantasten.
Andere, die man ebenfalls
Gutmenschen nennt, sind eher Realisten und versuchen sich so zu verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Bei Kindern nennt man das "brav", bei Erwachsenen "höflich", bei Staatsmännern "politisch korrekt".
Einen ähnlichen Sinn hatte das veraltete
Biedermann, ursprünglich 'tüchtiger Mann', dann aber tadelnd soviel wie 'jemand, der versucht, sich normgerecht zu verhalten, ohne sich allzu sehr zu engagieren'.
Vorbild für das Wort
Gutmensch ist wohl das französische bonhomme, eigentlich 'guter Mensch', aber mehr im Sinne von 'zu gutmütig und kein bisschen clever und taff'.

Was wir heute brauchen, sind nicht angepasste, smarte Gutmenschen, sondern Leute, die Verantwortung übernehmen, zu ihrer Meinung stehen und auch den Mut haben Fehler zu machen.
 

   

   

Leserbrief:

Man nannte die Leprakranken im Mittelalter Gutleute - der Singular, mir unbekannt, könnte nur Gutmensch gewesen sein.

Diese verschönernde Bezeichnung sollte vermeiden, von den Leprakranken verflucht zu werden.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 16 11..2004

Aktuell: 26.03.2016