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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bösewichter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Überall sind wir von Gefahren umgeben. Wir kennen es gar nicht anders: Im Winter drohen uns Glatteis und Erkältung, im Sommer Blitzschlag und Hitzschlag. Myriaden von Mikroben 'Kleinstlebewesen' und Viren 'selbständige Gene' (von lateinisch virus 'Geifer, Schleim, Gift') greifen ständig unsre Gesundheit an. Von Verbrechern und persönlichen Feinden ganz zu schweigen. Natur und Menschheit kamen bisher damit zurecht.
Sprachecke 16.06.2015

Böse Menschen lassen sich aber immer wieder Neues einfallen. Terroristen töten wahllos Menschen. Es ist kaum zu verstehen, was sie damit erreichen wollen außer verunsichern und Terror (lateinisch 'Schrecken') und Chaos verbreiten.

Im Arbeitsleben leiden viele unter Mobbing (englisch to mob 'über einen herfallen', wohl von mob 'Pöbel', ähnlich anpöbeln). Kolleginnen und Kollegen machen ihnen das Leben schwer, schikanieren sie und versuchen sie aus dem Betrieb hinauszuekeln. Das englische Wort erweckt den Eindruck, als sei Mobbing eine neue Unsitte. Diese gibt es aber schon lange. Früher redete man von Schikane (französisch chicane 'in böser Absicht angezettelter Prozess, Rechtsverdrehung'). Genauso gab es auch schon immer Belästigungen, die man heute Stalking nennt (englisch to stalk 'stolzieren, sich anschleichen, anpirschen', dann 'jemand verfolgen, überwachen, ausspionieren, bedrohen'). Die Sonderform Telefonterror ist schon seit Jahrzehnten bekannt.

Das Internet sorgt gleichfalls für Verdruss: Auch da gibt es Viren. Das sind schädliche Programme, die in Computer eingeschleust werden, um Daten zu löschen, Programme zu verändern oder das System zu blockieren. Wer E-Mails empfängt, ärgert sich über Spams, unerwünschte Werbung, unter der die erwünschte Post kaum noch zu finden ist. Spam ist Kurzform für englisch spiced ham 'gewürzter Schinken'. Der Vergleich stammt aus einem Sketsch: In einem Lokal wurde zu jedem Gericht "Spam" serviert. So wurde dieses Wort zum Inbegriff des Unerwünschten, Lästigen.

Manche Bösewichter versuchen in fremden Computern zu spionieren. Man nennt sie Hacker. Ursprünglich bezeichnete man damit einen geschickten Programmierer (wahrscheinlich, weil er auf die Tasten "einhackt"). Das Wort bekam dann aber die Bedeutung von Cracker 'einer der fremde Sicherheitsvorkehrungen knackt' (englisch to crack).

Eine neue Gemeinheit ist Phishing: Da versucht jemand mit fiesen Tricks Kontonummer und Geheimzahl zu "angeln" und damit das Bankkonto "leer zu fischen". Englisch to phish 'ein fremdes Konto plündern' ist künstlich differenziert aus to fish 'Fische fangen'.

Glatteis, Blitzschlag, Krankheitserreger und Übeltäter hat es immer gegeben. Ärgerlich ist, dass die moderne Technik zu neuen Verbrechen verleitet.

   

 

 


Frage:
Wieso nicht einfach: "Bösewichte"?

Meine Antwort:
Das ist so eine der Ungereimtheiten unsrer Sprache: Die Mehrzahl von Wicht heißt tatsächlich Wichte und nicht anders. Bei den bösen Wichten dagegen sagt man in Deutschland -wichter und in Österreich -wichte.
Das Wort Wicht hat mehrmals sein Geschlecht geändert. Ursprünglich war es weiblich wie im Gotischen, Altnordischen und Altenglischen. Noch im Mittelalter war es im Deutschen männlich (Wichte) oder sächlich (Wichter). Da Bösewicht schon seit 1000 Jahren gebräuchlich ist, hat sich der Sprachgebrauch wahrscheinlich von dem einfachen Wort abgekoppelt.
Grundsätzlich ist die Mehrzahl auf -er sächlich (Lieder, Bücher, Kinder". Wo das anders ist, hat das Wort seine eigene Geschichte: Gott war ursprünglich sächlich, daher Götter. Von Mann gibt's heute noch drei Mehrzahlformen:3 Mann – Mannen – Männer. Und bei Wicht liegt es halt daran, dass man sich lange nicht auf ein Geschlecht einigen konnte.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 01.06.2010

 

Datum: 01.02.2005

Aktuell: 26.03.2016