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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Närrische Zeiten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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„Was hast du da für ein schönes Schmuckstück am Arm?“, fragte der Narr. „Das ist eine Uhr“, sprach der Weise. „Damit kann ich die Zeit messen.“ – „Weißt du denn wie lang deine Zeit ist? Meine hat noch kein Ende, wie kann ich wissen, wie lang sie sein wird?“ – „Ich meine, ich sehe an der Uhr, wie viel Uhr es ist.“ – „Aha, es ist wohl eine Uhr.“ – „Nein, es ist zwölf Uhr.“ – „Ich sehe aber nur eine.“ – „Ich zähle doch nicht meine Uhren. Sieh her, der Uhrzeiger steht auf der Zwölf, also ist es zwölf Uhr.“ – „Und dann ist es wieder ein Uhr?“ – „Eigentlich ja, aber wir zählen weiter und sagen ‚dreizehn Uhr’“. – „Und was hast du davon, wenn du weißt, dass es zwölf Uhr ist?“ – „Dann weiß ich, dass es Mittag ist und Zeit fürs Mittagessen. – „Ach so, dazu brauchst du eine Uhr! Ich merke das von selbst, wenn ich Hunger habe.“

Das kurze Gespräch zeigt, wie unlogisch unsere Sprache von der Zeit redet. Ob das ein Narr verstehen kann? Da ist die „Uhr“, an der wir erkennen können, wie viel „Uhr“ es ist. Der Weise weiß natürlich, dass Uhr von lateinisch hora ‚Stunde’ kommt und das Gerät ursprünglich Uhrglocke hieß, also eine Glocke war, die die Stunden schlug und dabei von einer „Uhr“ gesteuert wurde. Stunde (von stehen) ist die alte deutsche Bezeichnung des Zeitabschnitts (englisch hour), während das konkurrierende Lehnwort Uhr die Bedeutung ‚Markierung auf dem Zifferblatt’ (englisch o’ clock) annahm.

Bei unsren Monatsnamen kann der Narr nur verwundert den Kopf schütteln. Die letzten vier enthalten die lateinischen Zahlwörter von sieben bis zehn. Lateinisch septem ist die ‚Sieben’, aber der September ist nicht der siebte, sondern der neunte Monat. Der Weise weiß natürlich, dass das altrömische Jahr am 1. März begann. Damals hat die Zählung noch gestimmt. Julius Caesar und Augustus haben uns von der Verlegenheit befreit, dass auch die beiden Monate vor September gezählt wurden, indem sie Sextilis ‚dem Sechsten’ und Septilis ‚dem Siebten’ ihre eigenen Namen gaben.

Ein Narr wird auch nicht einsehen wollen, dass das skandinavische Julfest nicht im Juli, sondern im Dezember gefeiert wird, identisch mit unserm Weihnachten. Der Weise weiß natürlich, dass Jul nichts mit dem Juli oder mit Julius zu tun hat, sondern mit Wörtern wie jubeln und johlen, also eine fröhliche Zeit ist.

Der Narr wird auch nie begreifen, wieso das Jahr 2003 im 3. Jahrtausend und 21. Jahrhundert liegt und wieso „in einer Woche“ dasselbe wie „in acht Tagen“ ist, aber zwei Wochen nur „vierzehn Tage“ dauern.

Völlig verwirrend muss es für unseren Narren sein, wenn ihm die Karnevalsjecken erklären, dass mit dem heutigen Tag die 5. Jahreszeit zu Ende geht. „Wieso denn, es gibt doch nur vier?“

   

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Datum: 08.05.2005

Aktuell: 26.07.2016