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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tollwut

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Tollwut ist eine tödliche Viruserkrankung. Sie kann auch durch infizierte Organspenden übertragen werden. Die klassische Übertragungsform aber ist das Beißen: Ein tollwütiges Tier versucht alle zu beißen, die ihm begegnen. Das Virus zwingt dem „Wirt“ ein Verhalten auf, durch das es sich weiter verbreiten kann.

Der Name der Krankheit, eigentlich „die tolle Wut“, hat sich in der alten Sprache von selbst erklärt: Toll bedeutete ursprünglich ‚verwirrt, töricht’ (gotisch dwals), Wut ‚heftiger Aggressionsausbruch’, eigentlich ein Verbalsubstantiv zu wehen, also ein ‚Sturm, heftige Gemütsbewegung’. Die Zusammensetzung Tollwut betont, dass es sich um einen Verlust der Selbstkontrolle handelt, eine Bedeutung, die ursprünglich auch schon in dem Begriff Wut enthalten war. Verkürzt konnte man statt von einem „tollwütigen“ auch von einem „tollen Hund“ reden, so der Titel einer Komödie des Datterich-Dichters Niebergall.

Der heutige Sprachgebrauch dagegen ist irreführend. Heute ist toll etwas Positives, etwas, für das man „toll werden“, sich begeistern kann, gleichbedeutend mit prima, super, Spitze, geil. Unter Wut verstehen wir mehr das aggressive Gefühl als die Gefühlsäußerung. Wir hören also eher etwas von einer ‚reizenden Entrüstung’ als von einer ‚Amok laufenden Gereiztheit’. Entsprechend wäre ein „toller Hund“ heute kein infiziertes, beißwütiges Tier, sondern ein Hund, der uns gefällt.

Wut war schon in alter Zeit ein Konkurrenzausdruck von Zorn. Den Unterschied zwischen Wut und Zorn sehen wir heute darin, dass Zorn die mildere Form von Wut ist. Zorn ist ein ‚heftiger Unwille’. Er kann sich darauf beschränken, energisch zu sprechen und strenge Maßnahmen zu ergreifen. Wut dagegen neigt zu Tobsucht, überlautem Geschrei und Handgreiflichkeiten. Wir reden immer noch vom „Wüten des Sturms, der Elemente“. Ein Wüterich ist ein aggressiver und unbeherrschter Mensch. (Beispiel: der „böse Friederich“ im „Struwwelpeter“) oder das deutsche Wort für ‚Tyrann’.

In der Umgangssprache scheint das Wort Wut seinen Konkurrenten Zorn verdrängt zu haben. Psychologische Ratgeber schreiben unbekümmert vom Gefühl der „Wut und wie wir damit umgehen“ und von der „gerechten Wut“, die uns manchmal ergreift. Und oftmals sagen wir selbst, dass uns die „kalte Wut“, also der Zorn packt: Wir ärgern uns, bleiben aber äußerlich „cool“, gelassen.

Gegen Tollwut kann man impfen. Gegen Wut hilft Selbstbeherrschung oder eine kontrollierte Entladung der angestauten Energie. Gegen Unsicherheiten und Wandel im Sprachgebrauch helfen weder Zorn noch Reglementierungen. Besser ist’s, wenn wir dem gegenüber gelassen bleiben und unsere eigenen Ausdrucksmöglichkeiten verbessern und kultivieren.

   

 

 

 

 

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Sprachecke toll

 

Datum: 01.03.2005

Aktuell: 26.07.2016