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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Diskriminierung

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nach Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes darf niemand „wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt“ oder „wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Denn nach Absatz 1 sind „alle Menschen vor dem Gesetz gleich“. Wie das praktisch umzusetzen ist, damit beschäftigen sich unsere Parlamentarier schon seit einem halben Jahrhundert.

Heute sprechen wir nicht mehr von Bevorzugung und Benachteiligung, sondern von Diskriminierung und haben auch eine Anzahl von Schlagwörtern für bestimmte Formen dieser Unsitte: Antisemitismus ‚Judenfeindlichkeit’, Rassismus ‚Verachtung von Nichteuropäern’, Sexismus ‚Unterdrückung der Frau’.

Diskriminierung ist kriminell und muss kritisiert werden. Das leuchtet ein.

Diskriminieren kommt von lateinisch discernere ‚scheiden, unterscheiden, entscheiden’, davon discrimen ‚Unterschied, entscheidender Punkt’, discriminare ‚trennen, unterscheiden’. Das moderne Wort bedeutet also ‚unterschiedlich behandeln, den einen bevorzugen und den anderen benachteiligen’, was ja nach dem Gleichheitsgrundsatz nicht sein darf.

Kriminell kommt übers Französische von lateinisch criminalis ‚Verbrechen betreffend’ und dieses wiederum von crimen ‚Anklage, Verbrechen, Schuld’. Dies ist wohl abgeleitet von cernere ‚scheiden, unterscheiden, entscheiden (aber nicht gerichtlich)’.

Lateinisch crimen entspricht griechischem krîma ‚Beschluss, Urteil, Strafgericht’, dazu krísis ‚Scheidung, Entscheidung, Urteil, Gericht’ kritês ‚Richter’, kritikós ‚urteilsfähig’. Kritisieren, Kritik üben, kritisch sein bedeutet also nicht ‚verurteilen, meckern’, sondern ‚beurteilen, etwas von verschiedenen Seiten her betrachten, das Für und Wider gegeneinander abwägen’.

Das zugrunde liegende griechische krínein ‚scheiden, unterscheiden, beurteilen’ ist verwandt mit dem lateinischen cernere. Die Grundbedeutung ‚scheiden’ verbindet beide Wörter mit griechisch keírein ‚schneiden’, deutsch scheren (mit vorgesetztem s-), altsächsisch heru ‚Schwert’. Dazu gehört der Name der Cherusker, ‚Schwertleute’. Das waren die Vorgänger der Sachsen, die sich ebenfalls nach ihrer Waffe, dem Kurzschwert Sachs benannten.

Dies wiederum ist verwandt mit Säge, Sichel und Sense (althochdeutsch segensa) und lateinisch secare ‚schneiden’, von dem saxum ‚abgesplitterter Felsbrocken’ und sexus ‚männliches und weibliches Geschlecht der Lebewesen’ abgeleitet ist..

Sexismus und Diskriminierung werden dadurch möglich, dass wir die Menschheit „zerteilen“ und den Unterschieden größeres Gewicht beimessen als den Gemeinsamkeiten.

   

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Datum: 05.04.2005

Aktuell: 26.03.2016