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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Heilige Väter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Christenheit hat eine merkwürdige Neigung, ihre Priester „Väter“ zu nennen. Da ist der mittelalterliche Pfaffe und der slawische Pope (beide aus griechisch papâs) und der Pater, ein zum Priester geweihter Mönch (aus dem Lateinischen). Dessen Vorgesetzter ist der Abt (übers Griechische aus syrisch abba). Da sind die verschiedenen Patriarchen, die ‚Oberväter’ der orthodoxen Kirchen (aus dem Griechischen) und deren Kollege, der Papst, dessen Neuwahl jetzt ansteht. Alle diese Titel bedeuten ‚Vater’.

Grundlage für das Wort Papst ist lateinisch papa, das wie bei uns ‚Papa, Vater’ bedeutet. Das war seit dem 3. Jahrhundert eine Anrede für Bischöfe und andere kirchliche Würdenträger, also auch für den Bischof von Rom. Erst seit dem 9. Jahrhundert wird papa allein für den römischen Bischof als Oberhaupt der katholischen Kirche verwendet.
Das deutsche -s kommt nicht von lateinisch papa, sondern von griech. πάπας pápas 'Bischof [1] Dies wurde am Niederrhein ins Deutsche übernommen und kam um 1000 nach Süddeutschland, wo man lautgerecht babes schrieb. Das schließende -t kam um 1200 auf. Erst um 1800 hat sich die heutige Schreibung Papst durchgesetzt.

Unsere kindersprachlichen Wörter Papa, Mama wurden im 17. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen, hochsprachlich zunächst mit dem Ton auf der zweiten Silbe. Diese beiden Wörter sind aber keine französischen Besonderheiten, sondern auf der ganzen Welt zu findende Lallwörter, die ein Kleinkind leicht sprechen kann. Vorher sagte man für ‚Papa’ Atte, Ette, Tate und für ‚Mama’ Eide, Mamme. Interessant, dass der Titel des höchsten katholischen Amtes dieses Kinderwort Papa und nicht das Erwachsenenwort Vater ist, obwohl der Papst ja mit „heiliger Vater“ angesprochen wird.

Andere christliche Prominenz verzichtete auf solche familiären Ausdrücke: Der evangelische Propst ist ein ‚Vorgesetzter’ (zu mittellateinisch propositus). Ein Pfarrer ist der Leiter einer Pfarrei ‚Gemeinde’ (lateinisch parochia). Das Wort ist nicht aus Pfarrherr verkürzt, sondern hat die bei Berufsbezeichnungen übliche Endung -er. Der norddeutsche evangelische Pastor versteht sein Amt als ‚Hirte’ (zu dem lateinischen Wort dafür).

Bischof (griechisch epískopos) war ursprünglich ein ‚Inspektor’ (Beamtentitel), der Erzbischof ein ‚Oberbischof’ (zu griechisch archi- ‚führend’, das mittellateinisch arci- ausgesprochen wurde).

Der Kardinal ist benannt nach lateinisch cardo ‚Türangel, Drehpunkt der Tür’; davon cardinalis ‚wichtig’. Er hat das Recht, den Papst zu wählen und Papst zu werden. Die Papstwahl erfolgt in einem hermetisch abgeriegelten Raum, dem Konklave (aus lateinisch conclave ‚abschließbarer Raum’, zu clavis ‚Schloss, Schlüssel’). Wer wird wohl der nächste Papst sein?

 

[1]  Kreuzdenker, Etymologie: Papst

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Übersicht

 

Begriffe: Familie | Verwandtschaftsbezeichnungen | Papa und Mama

 

Datum: 12.04.2005

Aktuell: 04.10.2017