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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

Moderne Legenden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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urban legends

Legenden

Sagen

 

„Meine Kollegin kennt jemand, der war neulich in der Türkei…“ Haarsträubende Geschichten, die man da auf Partys zu hören bekommt und die jetzt als „urban legends“ in Umlauf sind. Das ist nichts Neues, denn ähnliche Geschichten, zur Unterhaltung erzählt, hat es immer gegeben. Johann Peter Hebel hat sie vor 200 Jahren als Kalendergeschichten in seinem „Rheinischen Hausfreund“ veröffentlicht, darunter ergötzliche Anekdoten von den badischen Gaunerbrüdern Zundelheiner und Zundelfrieder. Zur gleichen Zeit kursierten Erzählungen vom überrheinischen Schinderhannes und vom Odenwälder Hölzerlips, den Anführern berüchtigter Räuberbanden, die gleichwohl einen legendären Ruf erworben hatten. Besonders der Schinderhannes hat fleißig an seiner Legende gestrickt, die verhasste französische Besatzungsmacht genarrt, nur die Reichen ausgeplündert und einem versehentlich überfallenen mittellosen Reisenden auch mal einen Gulden geschenkt.

Legenden waren ursprünglich die Biographien von Heiligen, die als Lektüre empfohlen waren (lateinisch legenda ‚was man lesen soll’). Einige dieser Geschichten werden immer noch erzählt, etwa von St. Martin, der einem Bettler seinen halben Mantel gab, St. Georg, der den Drachen tötete oder St. Nikolaus, dem Kinderfreund. Na ja, Drachen gab’s ja wohl nicht und Nikolaus als Kinderfreund ist eine moderne Erfindung. Man hat von den Heiligen erzählt, was ihre Fan-Gemeinde interessierte, meist nicht die historische Wahrheit, sondern sensationelle Taten und Wundergeschichten.

Heute verstehen wir unter Legenden allgemein Erzählungen über historische Personen, die dazu dienen, ihren Ruhm oder ihr „Image“ zu pflegen. Nicht nur Schinderhannes, auch andere Berühmtheiten haben sich um ihre Legende bemüht und tun es heute noch.

Dagegen sind Sagen Geschichten, in denen historische Namen und Orte eine Rolle spielen. Sie haben sich aber ganz von ihren Vorbildern gelöst. Der burgundische König Gunther kam 436 ums Leben, die merowingische Königin Brünhild starb 613. Sie sind einander nie begegnet, aber in der Nibelungensage waren sie ein Paar. In der Sage vom Rodensteiner wurde eine alte Gespenstergeschichte von der verfallenen Burg Schnellerts dem ehrenwerten Rittergeschlecht auf Burg Rodenstein bei Fränkisch-Crumbach angehängt. Und die Sage vom Frankensteiner kam erst vor ein paar Jahrzehnten aus Amerika zu uns. Noch vor 50 Jahren hat man im Umkreis des Frankensteins nichts davon gewusst.

Legenden und Sagen werden heute oft verwechselt, denn englisch legends bezeichnet beides. Im Deutschen machen wir aber einen Unterschied. Die namenlosen „urban legends“ sind eine neue Gattung von Geschichten, vielleicht noch am ehesten mit Märchen zu vergleichen.

   

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Erfundene Geschichten

Sprachecke 14.02.2017

 

Datum: 03.05.2005

Aktuell: 09.02.2017