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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fisimatenten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Also hör mal Bärbel, Fisi-ma-tente gibt's bei uns nicht, du gehst mit keinem Soldaten ins Zelt!", soll eine Mutter zu ihrer 15-jährigen Tochter gesagt haben. Da hatte ein welscher Landsknecht die Dorfschöne gebeten "Visite ma tente, visita mi tienda", besuche mein Zelt. Aber die Mutter hat's verboten: "Mach mir keine Fisimatenten."

Eine nette Anekdote, die da im Umlauf ist. Ein Leser war ganz irritiert, dass in allen Wörterbüchern eine andere Erklärung steht. Was hat es mit dieser Redensart auf sich?

Die Geschichte mit der Bärbel ist ganz und gar unwahrscheinlich. Denn sie spielt ja wohl im Dreißigjährigen Krieg oder danach, als französische und spanische Söldner durch Deutschland zogen. Ein ähnlicher Ausdruck ist aber schon 1499 bezeugt: Visimetent 'Ausschmückung, Erfindung'.

Bärbels Bruder Hannes fand immer neue Ausreden, wenn er Unkraut jäten sollte, was er nicht gern tat. Da sagte die Mutter: "Mach keine Fisimatenten und tu, was ich gesagt habe!" So wird diese Redensart tatsächlich gebraucht.

Dazu passt ganz gut das Visimetent von 1499: "Mach mir keine Erfindungen, Ausflüchte". Dieses Wort scheint weiter entwickelt aus einem mittelalterlichen Visament 'Aussehen und Beschreibung eines Wappens'. Ein Knappe konnte viel Zeit damit verbringen die Wappen zu studieren, statt das zu tun, was ihm sein Herr aufgetragen hatte. Da musste der Ritter ihm nachdrücklich befehlen: "Jörg, mach jetzt kein Visament, sondern füttere endlich die Pferde!"

Daneben scheint es noch den Behördenausdruck visae patentes gegeben zu haben, Das soll ein Sichtvermerk (visae) auf einem Beglaubigungsschreiben (patentes) gewesen sein. Die Behörden machen ja oft "Fisimatenten", wenn sie eine Bescheinigung ausstellen sollen. Vielleicht hatte der Ausdruck den Beiklang von 'Hokuspokus, unverständliches Amtsdeutsch'.

Patent im heutigen Sinne ist eine Urkunde über bestimmte Rechte. Es schützt die Rechte eines Erfinders oder gibt einem Seemann das Recht, sich Kapitän zu nennen und ein Schiff zu führen. Das Wort kam im 17. Jahrhundert aus dem Französischen zu uns. Dort bezeichnete lettre patente ein Beglaubigungsschreiben des Landesherrn, das gekürzte patente einen Gewerbeschein oder Dienstvertrag. Zugrunde liegt lateinisch litterae patentes 'offener Brief'.

Vīsae ist das lateinische Partizip Perfekt Femininum Plural 'gesehene' von vīdêre 'sehen'. Daher kommt auch unser Visum (Neutrum Singular) 'Sichtvermerk auf einem Pass'.

Vielleicht hat der Behördenausdruck visae patentes das mittelalterliche Visament beeinflusst. Das alles ist sehr kompliziert. Die Geschichte mit der Bärbel besticht dagegen, weil sie klar und verständlich ist – auch wenn die Erklärung falsch ist.

   

 

 

Leserbrief:

Eine Leserin hat vor über 50 Jahren eine andere Version gelernt:

"Wenn Soldaten in Folge eines durchzechten Abends zu spät in die Kaserne zurückkamen, lallten sie zur Entschuldigung "J'ai visité ma tante ". So hatte dann Fisimatenten die Bedeutung einer oberfaulen Entschuldigung und wenn einer seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, hieß es: "Keine Fisimatenten bitte!"

 

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Datum: 31.05.2005

Aktuell: 26.03.2016