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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Vorführeffekt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Geralds Automotor fängt an zu stottern. Er bringt ihn in die Werkstatt. Der Mechaniker lässt den Wagen an und der Motor läuft ohne Probleme: "Vorführeffekt!" Die Technik verhält sich anders, wenn jemand dabei zusehen soll.

Gerald hat seinen Wagen vorgeführt, um etwas zu demonstrieren. Genauso macht es ein Kino, das dem Publikum einen Film vorführt. Oder ein Verkäufer, der der Kundin die neusten Kollektionen vorführt: Man führt anderen etwas vor Augen, zeigt es ihnen. Auch wenn ein Verdächtiger dem Richter präsentiert wird, sagen wir, er werde vorgeführt.

Seit den 80er-Jahren wird vorführen in einer ganz anderen Bedeutung gebraucht, meist im Zusammenhang mit Politik: Da behauptet etwa ein Ortsbeirat, er fühle sich "regelrecht vorgeführt", weil der Magistrat erst um die Meinung des Gremiums gebeten und dann doch dessen Wünsche nicht berücksichtigt hatte. Oder die Bürger fühlen sich "vorgeführt", weil die Politiker ihnen falsche Informationen gegeben haben. Vorführen hat also hier die Bedeutung 'nicht ernst nehmen, lächerlich machen'. Ist da an einen gemeinen Lehrer gedacht, der ein minderbegabtes Kind nach vorn kommen lässt und vor der ganzen Klasse durch schwere Fragen und hämische Kommentare blamiert? Oder an einen unfähigen Vorgesetzten, der eine Mitarbeiterin vor aller Augen fertig macht?

Zusammensetzungen mit führen haben oft einen verschlechternden Sinn: Der Anführer einer Gruppe geht ihr voran und führt sie so zu einem Ziel. Oft fühlen sich aber die Gruppenmitglieder irregeleitet, betrogen, angeführt, "an der Nase herumgeführt". Dieses Bild denkt an einen Tierbändiger früherer Zeiten, der einem Bären einen Ring durch die Nase gezogen und sein Opfer damit nach Belieben herumgeführt und dem johlenden Publikum vorgeführt hat.

Auch verführen 'zu etwas Schlechtem verleiten' hat die Grundbedeutung 'jemand falsch führen, irreführen, einen schlechten Weg zeigen'.

Ein Fremdenführer dagegen hat eine positive Aufgabe: Er zeigt Touristen die Sehenswürdigkeiten seines Ortes. Sie können auch in einem Reiseführer alles nachlesen. Wer dagegen eine Reisegruppe während der Fahrt begleitet, ist ein Reisebegleiter oder Guide (eigentlich 'Führer'). Dieses englische Wort kommt übers Französische aus dem Altgermanischen: Auch da gab es schon "Guides": Der germanische wîda war ein ortskundiger Einheimischer, der Fremde zum Ziel ihrer Reise führte. Denn Landkarten, Hinweisschilder und gedruckte Reiseführer gab es noch nicht.

Von Führungskräften erwarten wir heute nicht nur Durchsetzungsvermögen, sondern auch die Fähigkeit, zu vermitteln, Konflikte zu regeln, Lösungen zu finden und einen Blick nicht nur für das Ganze, sondern auch für den Einzelnen.

   

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Datum: 21.06.2005

Aktuell: 28.09.2016