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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gute Reise

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Vor einiger Zeit hatte ich mit Franzosen zu tun und wollte sie fragen, ob sie eine "gute Reise" hatten. Das französische Wort für 'Reise' fiel mir nicht ein. Ich fragte mich: Wie ist das im Englischen? Journey, travel wäre französisch journée 'Tagesablauf' und travail 'Arbeit'. Auf das beiden Sprachen gemeinsame voyage (von voie 'Weg') kam ich erst mit Hilfe des Wörterbuchs. Tatsächlich kann auch heute noch die Fahrt zum Ferienort ganze Tage (journées) in Anspruch nehmen und zur Qual (travail) werden.

Welche Anschauungen stecken hinter unseren deutschen Wörtern?

Das klassische Wort ist fahren, Fahrt, bekannt aus vielen Liedern der Wandervogelbewegung vor 100 Jahren: "Wir sind durch Deutschland gefahren", nicht mit Schiff, Zug oder Auto, sondern hauptsächlich zu Fuß, in Gruppen mit Affe 'Tornister' und Klampfe 'Gitarre'. Daheim flunkerte man, man wäre auf "großer Fahrt" bis "ans End der Welt" gekommen. Fahren hatte ursprünglich die allgemeine Bedeutung von 'reisen, große Strecken zurücklegen'. Die "fahrenden Scholaren", die "zur schönen Sommerzeit ins Land der Franken fahren" wollten, waren Studenten auf dem Weg zur Universität. Hoffentlich waren sie beim Abmarsch "fährtig", 'fertig, für die Reise ausgerüstet', und fanden sie unterwegs gute Gefährten, mit denen sie die Fährnisse und Gefahren der Reise bestehen konnten.

Gern versuchten diese Fahrenden schneller und bequemer vorwärts zu kommen, per Anhalter auf dem Fuhrwerk eines Bauern oder als Fahrgast mit Postkutsche oder Schiff. So kam es zu der heutigen Bedeutung fahren 'ein Fahrzeug benutzen'.

Ein Sonderfall der Fahrt ist die religiös motivierte Wallfahrt. Althochdeutsch wallon ist wohl verkürzt aus wadalon 'hin und herziehen' (zu lateinisch vadere 'gehen'). Nicht hierher gehören wandeln (alt auch 'umhergehen') und wandern 'zu Fuß reisen' wie die Handwerksburschen, dazu englisch went 'ging'.

Ein weiterer Sonderfall war die Heerfahrt, die Truppenbewegung von der Garnison zur Front. Unterwegs konnte das Heer sich in Herbergen 'Feldlagern' bergen; Herberge wurde später auf Unterkünfte für zivile Reisende übertragen.

Jede Reise beginnt damit, dass man aufsteht und aufbricht. Diesen Sinn hatte das germanische Wort rîsan 'sich erheben' (daher englisch to rise 'aufstehen' und to raise 'emporheben'). Daraus althochdeutsch reisa 'Aufbruch, Reise'. Mittelhochdeutsch reise hatte auch 'Heerfahrt' bedeutet, daher reisig 'gerüstet' und Reisiger 'Soldat'.

Heute bedeutet reisen 'eine große Strecke zu einem Ziel zurücklegen', aus geschäftlichen Gründen, um fremde Länder kennen zu lernen oder den Ferienort zu erreichen. Allen, die unterwegs sind, wünsche ich "gute Reise, bon voyage, have a nice trip".

   

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Übersicht

 

Sprachecke 27.10.2009 | 19.01.2015

Begriffe: reisen

 

Datum: 26.07.2005

Aktuell: 26.03.2016