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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Essen und fressen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Anders als etwa das Englische unterscheidet unsere Standardsprache zwischen "groben" und "feinen" Ausdrücken für denselben Sachverhalt: Maul und Mund (englisch mouth), fressen und essen (englisch eat, französisch manger), saufen und trinken (englisch drink, französisch boire), Futter und Nahrung (englisch food). Dabei verwenden wir die groben Ausdrücke nicht nur für Tiere, deren Maul sich auch anatomisch von unserem Mund unterscheidet und die nun einmal ihre Nahrung anders zu sich nehmen als wir. Sondern wir gebrauchen sie auch von Menschen, um etwa eine unverschämte Art zu reden zu tadeln (Großmaul, Schlappmaul), ungebührliche Tischmanieren (für drei fressen) oder übermäßigen Alkoholkonsum (saufen wie ein Loch), dazu Fraß 'schlechtes Essen', Suff 'Trunkenheit, Trunksucht'. Dagegen gehört dagegen Fresse 'Gesicht' nicht mehr in die Standardsprache und gilt als derb und ungehörig.
Fressen, eigentlich veressen 'restlos aufessen' deutete ursprünglich nur an, dass keine Reste übrig blieben. Der wohlerzogene Mensch hält sich beim Essen zurück, daher bekam fressen die abwertende Bedeutung 'gierig, unmäßig, nicht gesittet essen.
Saufen hatte zunächst die Sonderbedeutung 'schlürfen, saugen', bezeichnete also eine bestimmte Art, Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Normalerweise trinken wir aber aus Bechern, Tassen, Gläsern. 'Schlürfen' beim Essen gilt als unfein. So bekam auch Saufen seine abwertende Bedeutung und wurde zum Gegenstück von fressen.
Maul scheint ursprünglich nur für Tiere angewandt worden zu sein, wurde aber schon im Mittelalter auch vom Menschen gesagt: "Swîg und tuo dîn mûl zuo, schweig und mach deinen Mund zu." Luther beachtet sehr genau den Unterschied zwischen "feinem" Mund und "grobem" Maul: "Die Narren haben ihr Herz im Maul, aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen" (Sirach 21,28). In vielen Mundarten dagegen ist Maul das Standardwort und hat Mund verdrängt.
Heute neigen wir dazu, die "feinen" Ausdrücke auch unsern tierischen Hausgenossen zuzubilligen: Wir geben Bello Tiernahrung zu essen und stellen ihm einen Napf Wasser zum Trinken hin. Diese Ausdrucksweise ist wahrscheinlich im Umgang mit Kindern entstanden, die lernen sollen, dass man Maul, fressen, saufen nicht sagt.

Ein "feines" und "grobes" Synonym finden wir auch bei werfen 'fliegen lassen' und schmeißen 'mit übertriebenem Kraftaufwand und Schwung bewegen'. Die "grobe" Bedeutung erklärt sich durch die heftigere Art der Bewegung.

Das Schwein (lateinisch suinus 'zum Schwein gehörig') war ursprünglich das Adjektiv zu Sau (lateinisch sus) und bezeichnete im Deutschen zunächst das junge Tier, später die Tierart im Unterschied zu dem Eber und der Sau, ähnlich das Pferd / der Hengst, die Stute und das Rind / der Ochse, die Kuh. In der Fachsprache der Landwirte ist die Sau (Mehrzahl Sauen) das weibliche Tier, während die Säue die Tierart bezeichnet. In der Standardsprache gilt Sau als das gröbere, Schwein als das feinere Wort.

Im Unterschied etwa zu Antlitz (gehoben), Gesicht (Standard) und Fresse (derb) gehören die genannten Wörter zur selben Sprachschicht und können nebeneinander gebraucht werden ("die Kuh frisst, der Mensch isst").

   

 

 

 

 

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Datum: 09.08.2005

Aktuell: 26.07.2016