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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Mann und Frau

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Mensch kommt von Mann", stand neulich in der Sprachecke. Das könnte zu der falschen Schlussfolgerung verleiten, als sei der Mann, nicht die Frau, der eigentliche Mensch. So einfach ist das aber nicht:

Im Altgermanischen, etwa im Gotischen, war guma (Maskulinum, althochdeutsch guma, gomo, enthalten in Bräutigam) oder gotisch wair (althochdeutsch wer) 'der Mann', qino (Femininum, althochdeutsch quena) 'die Frau', während gotisch manna in erster Linie den 'Menschen', nicht dessen maskuline Erscheinungsform bezeichnete, ähnlich heute noch bei englisch man. Hier sind also Mann und Frau gleichwertige Erscheinungsformen des Menschen.
Diese drei Wörter sind indogermanisches Erbe, wie die Parallelen lateinisch homo 'Mensch', vir 'Mann', griechisch gýne 'Frau' und altindisch manuschya 'Mensch' zeigen.

Im Westgermanischen (Englischen, Deutschen) verschwand auf einmal gomo, wer und wurde durch man ersetzt. Im Deutschen kam statt 'homo sapiens' das Wort mennisco 'der Menschliche', Mensch auf. Etwa gleichzeitig erhielt altenglisch cwene, althochdeutsch quena die Sonderbedeutung 'Ehefrau', für den 'femininen Menschen' kam wíf, wîp 'Weib' auf. Die Herkunft dieses neuen Wortes ist umstritten. Merkwürdig, dass es Neutrum ist. Entweder wurde da eine ältere Sachbezeichnung (etwa 'Schleier', ursprüngliche Bedeutung unbekannt) auf den Menschen übertragen. Oder es sollte wie bei das Kind ausgedrückt werden, dass es sich um eine unmündige Person handelte: Ausdruck einer späteren Einstellung, nach der die Frau dem Mann untergeordnet war?

Im Englischen bekam das alte cwene 'Ehefrau' die Sonderbedeutung 'Gemahlin des Königs, Königin'; für 'Gattin' gewöhnte man sich wife an und brauchte daher für den femininen Menschen ein neues Wort. Dies fand man im altenglischen wíf-man 'Schleiermensch' (heute woman), das neben weapon-man 'Waffen-Mensch' stand, ein Wort, das bald wieder untergegangen ist.

Im Deutschen wurde im vorigen Jahrhundert das inzwischen verächtliche Weib von Frau verdrängt. Dieses Wort ist die feminine Form des alten frô 'Herr' und bedeutet eigentlich 'Herrin, adlige Dame'. Nachdem im Frühmittelalter in Westeuropa für das Oberhaupt lateinisch senior, althochdeutsch hêrro 'der Ältere' aufgekommen war, stand also neben der Frau der Herr. Dieses Wort dient heute in gleicher Weise für 'Oberhaupt' und 'Mann von gesellschaftlichem Rang'. Im 17. Jahrhundert wurde für 'Frau von gesellschaftlichem Rang' das französische Dame eingeführt, etwa gleichbedeutend mit dem alten Frau. So kommt es, dass wir heute zwar Herr Meier, Frau Müller sagen, aber unsere Zuhörer mit meine Damen und Herren anreden.

   

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Datum: 16.08.2005

Aktuell: 27.05.2017