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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Qual der Wahl

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir haben einen neuen Bundestag gewählt. Das heißt, wir haben uns für eine Partei und ein Direktmandat entschieden, auf dem Wahlzettel unsre Kreuzchen gemacht und unsre Stimmen abgegeben.

Das allgemeine Wahlrecht ist eine demokratische Errungenschaft. Staatsoberhaupt, Gesetzgeber, ausführende Organe werden alle paar Jahre neu gewählt. Früher regelten die führenden Familien unter sich, wer regieren oder wichtige Ämter übernehmen sollte.

Und trotzdem sind auch die deutschen Könige gewählt worden, ursprünglich von allen Freien, später von den Kurfürsten. Das waren sieben weltliche und geistliche Landesherren, mit deren Amt die Kurwürde fest verbunden war. Beispiel: die Pfalzgrafen bei Rhein. Seit sie zu Kurfürsten aufgestiegen waren, hieß ihr Land Kurfürstentum Pfalz oder kurz: die Kurpfalz.

Diese politische Kur hat mit der medizinischen nichts zu tun. Die medizinische Maßnahme hat ihren Namen von lateinisch cura 'Fürsorge'. Die Kurfürsten dagegen sind danach benannt, dass sie den König gekoren hatten, ein altes Wort, das nur noch in bestimmten Zusammenhängen vorkommt wie erkoren, auserkoren 'auserwählt'. Dazu Kür 'Wahlprogramm beim Sport' im Unterschied zur vorgeschriebenen Pflicht, ferner Willkür 'unvorhersehbare Entscheidung nach Gutdünken' und kören 'ein männliches Zuchttier auswählen'.

Das mittelhochdeutsche Verbum hieß nicht küren, sondern kiesen, kos, gekoren, mit r aus stimmhaftem s. Später wurden die Formen aneinander angeglichen und alle mit r gesprochen, ähnlich bei verlieren und frieren (aus verliesen, friesen). Das alte s ist noch in Verlust, Frost erhalten. Das ü des modernen küren ist wie bei lügen aus ie entstanden (alt: liegen; unser heutiges liegen 'in waagrechter Position sein' schrieb sich damals ligen).

Wie Frost aus friesen ist kosten 'eine Speise versuchen' aus kiesen abgeleitet, dazu althochdeutsch kostunga 'Versuchung', gotisch kustus 'Prüfung, Beweis' und lateinisch gustus 'Geschmack'. Das Grundwort ist in griechisch geu- 'abschmecken, erproben' erhalten. Das andere kosten 'einen bestimmten Preis haben' dagegen stammt von lateinisch co(n)stare 'feststehen'.

Stimme, stimmen, abstimmen, zustimmen hängt mit dem alten Brauch der Akklamation zusammen: Bei Volksversammlungen erhob man laut seine Stimme und schlug die Waffen aneinander, um sein Einverständnis zu einem Beschluss zu zeigen. Oder man widerrief im Chor eine frühere Entscheidung.

Unser heutiges wählen, althochdeutsch wellen, ist eine Nebenform von wollen und hat also die Grundbedeutung 'eine Willensentscheidung treffen'.

Kur und Kur, kosten und kosten, lügen und liegen, wollen und wählen: lauter gleich oder ähnlich klingende Wörter, fast wie bei den Wahlparolen.

   

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Datum: 20.09.2005

Aktuell: 26.07.2016