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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Als alls alles alle war

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir hatten keine Milch mehr. Wie sollten wir das unsern englischen Gästen klarmachen? Was heißt "die Milch ist alle"? Wir fragten und erfuhren, dass es heißen muss: "The milk is all drunken." Oder kurz: "The milk is off."

Bei dieser Gelegenheit wurde mir selbst erst klar, was es mit unserem Ausdruck "etwas ist alle" auf sich hat: Man muss etwas ergänzen: "Die Milch ist alle getrunken, die Kartoffeln sind alle gegessen, das Geld ist alles ausgegeben." Es ist nichts mehr davon da. Ähnlich hat sich schon Luther ausgedrückt.
Das sind gekürzte Formulierungen. Am Ende des Satzes muss ein passives Partizip ergänzt werden: "getrunken, gegessen, ausgegeben". So machen wir es auch mit anderen Wörtern: "Der Knopf ist ab" (abgerissen). "Der Fernseher ist aus" (ausgestellt). "Die Tür ist zu" (zugemacht).
Hier werden Präpositionen, eigentlich Teile eines Verbs, oder das Wort alle zu prädikativen Adjektiven, die am Ende des kurzen Satzes stehen. Man kann sie nicht ohne weiteres wie normale Adjektive vor ein Substantiv stellen, also attributiv verwenden. Das merken wir sogar in der Umgangssprache: Es gibt zwar Leute, die sagen "der abbe Knopf", sie sagen aber nicht "der auße Fernseher, die alle Milch."
Die Redensart mit alle hat aber noch einen anderen Hintergrund: Alle besagt auch, dass sämtliche Elemente in einer Menge enthalten sind und es sonst nichts gibt. "Ich habe alle Briefe gelesen" meint: jedes einzelne Schreiben. "Ist das alle Post?" dagegen will wissen: Sind die vorgelegten Papiere vollzählig oder gibt es noch mehr? Von "vollzählig vorhanden, es gibt nichts Anderes" ist es nicht weit bis "vollzählig verbraucht, es ist nichts mehr da".

Alls (schon mittelhochdeutsch) gilt heute als Ausdruck der Umgangssprache und wird in der Standardsprache gemieden. Es ist aus alles verkürzt und bedeutet je nach Zusammenhang und Betonung 'immer, fortwährend, einstweilen, gewöhnlich, immerhin, manchmal, früher', also ein sehr vielseitiges Wort. "Er pflegte zu sagen" oder "er sagte immer wieder" heißt umgangssprachlich "er hat alls gesagt ".

Dieses Adverb hat nichts mit der Konjunktion oder Vergleichspartikel als gemein, die aus alse und letztlich aus also, all so verkürzt ist.

Eine ganz andere Herkunft hat hessisch alla 'vorwärts, los': "Alla, beeil dich". Dieses Wort wird auch als Abschiedsgruß gebraucht: "alla, mach's gut'. Wie die älteren Formen allee, alloo zeigen, stammt dieser Ausdruck von französisch allez 'geht', allons 'lasst uns gehen'. "Alleh" kommt schon in der Mundartdichtung des 19. Jahrhunderts vor (Stolze, Niebergall) und scheint zur Zeit Napoleons ins Hessische übernommen worden zu sein.

   

 

 

Leserbrief:

In Englisch würde man sagen "we're out of milk" sagen oder "there is no more milk left". Das von Ihnen benutzte Wort "drunken" bedeutet "besoffen". "The milk is off" hingegen bedeutet, dass es zwar immer noch Milch gibt, aber es ist schon schlecht geworden.

In diesem Zusammenhang verweisen Sie auf ein fehlendes passives Partizip am Ende des deutschen Satzes. In der deutschen Sprache benützt man gerne das Passiv - besonders bei Vorschriften, wobei man sich oft fragen muss, wer die Tätigkeit ausführen soll - z.B. "2 ml Salz werden mit 100 ml Wasser versetzt und zum Kochen gebracht". Im Englischen benützt man hier die aktive, sogar imperative Stimme "take 100 ml water, add 2 ml salt and bring to the boil".

Offensichtlich konnten meine britischen Freundee auch nicht richtig Englisch.

 

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Datum: 10.11.2005

Aktuell: 26.07.2016