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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Reformen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Es müsste bei uns ja so vieles anders werden! Viele Menschen sind unzufrieden, mit der Politik, mit der Wirtschaft, sogar mit dem Wetter. Der Schrei nach Reformen wird immer lauter.

Was sind Reformen? Das Wort ist abgeleitet von lateinisch reformare 'die Gestalt wiederherstellen', zu lateinisch re- 'wieder' und forma 'Gestalt'. Das Wort hatte schon in der Antike mehrere Bedeutungen: 'wiederherstellen, zum Besseren oder Schlechteren verändern, zurückgeben.'

Eigentlich war daran gedacht, dass ein früherer Zustand wiederhergestellt wird. Damit wird das Vorhandene verändert. Das Alte war aber auch nicht immer gut. Also sehen wir zu, dass wir etwas Besseres finden. Nicht immer gelingt uns das. Schon die Römer wussten, dass Reformen nicht nur verbessern, sondern auch verschlechtern können.

Reformen gab es also auch schon im Altertum, nur dass man damals nicht reforma sagte, sondern reformatio 'Rückformung'. Das heutige "Reform" ist daraus gekürzt. Auch damals gab es 'Reformer', reformatores, die zum Beispiel alte Handschriften rekonstruierten und ihren ursprünglichen Wortlaut wiederherzustellen versuchten.

Wenn wir heute Reformation, Reformator, reformiert hören, fällt uns die große kirchliche Reformbewegung des 16. Jahrhunderts ein. Und der Reformationstag am 31. Oktober. Die mittelalterliche Kirche war aus dem Lot geraten. Man versuchte, sie wieder "in Form zu bringen", hat sich an den Ursprüngen orientiert, Missstände beseitigt und doch die ursprünglichen Zustände nicht einfach wiederhergestellt, sondern Neues geschaffen, die Kirche "erneuert".

"In Form bringen", da denken wir an einen Hohlkörper, in den wir geschmolzene Stoffe oder Kuchenteig füllen, um ihnen eine bestimmte Gestalt zu geben. Im Sandkasten misslingt das oft. Dann versucht man's noch einmal und bringt dann hoffentlich den Sand "in Form" aus der Form.

"In Form", das kennen wir auch aus dem Sport. Wer regelmäßig Sport treibt, wird äußerlich kaum "aus der Form gehen" mit Fettwülsten und schlaffen Muskeln. "Er ist in Form" meint: Er ist fit und fähig, Höchstleistungen zu erbringen.

Lateinisch informare 'hineinformen' hatte die allgemeine Bedeutung 'formen, bilden' und wurde auch im Sinn von 'unterrichten' gebraucht. Unser informieren hat die engere Bedeutung 'kund machen, in Kenntnis setzen'. Bei informell dagegen hat in- eine verneinende Bedeutung wie unser un-, also 'nicht formell, ohne förmlichen Auftrag', aber auch 'ohne Formalitäten, zwanglos'.

Das ähnliche "sich einbilden" hat dagegen eine ganz andere Geschichte. Gemeint war 'sich ein inneres Bild von etwas machen', das kann eine zutreffende Vorstellung sein, aber auch eine haltlose Illusion oder überheblicher Dünkel.

   

 

 

 

Leserbrief

Mir fiel beim Lesen gleich die Erklärung meines Griechisch- und Lateinlehrers  für die Vorsilbe re- ein, wenn immer nur mit 'zurück' oder 'wieder' übersetzt wurde. Er brachte uns bei, dass sie in sehr vielen Fällen bedeutet "wie es sich gehört".

 

Meine Antwort:

Wir müssen dabei allerdings unterscheiden zwischen der eigentlichen Bedeutung dieser Vorsilbe und der besonderen Bedeutung, die sich aus der Verbindung mit einem bestimmten Wort ergibt:

Beispiele, willkürlich herausgegriffen:

  • redunatio 'Wiedervereinigung > re- = so, wie es früher war

  • re-bellare 'wieder kämpfen, sich auflehnen' > re- = noch einmal

  • re-cedere 'zurücktreten' > re- = nach hinten

  • re-cipere 'zurücknehmen' > re- = 1. nach hinten, 2. noch einmal, 3. zum Subjekt hin

Selbstverständlich ergibt sich bei renovare, reformare, restituere der Nebengedanke 'so, wie's früher war'. Aber das ist nicht die Grundbedeutung von re-.

Ähnlich ist es doch auch im Deutschen: Die Grundbedeutung von wieder / wider (eigentlich dasselbe Wort) ist 'noch einmal, zurück / gegen'. Da ergibt sich auch hier in wiederherstellen die Sonderbedeutung 'wie es früher war', ohne dass jemand behauptet, das sei eine weitere Bedeutung von wieder.

Über "wie es sich gehört" kann man sich streiten. Denn das ist keine sprachliche Frage, sondern eine Sache der inneren Einstellung: Ein Erzkonservativer, der alle Veränderungen ablehnt, kann vielleicht der Meinung sein, alles gehöre sich so, wie es früher war oder wie er's gelernt hat.

Aber ob der ursprüngliche Zustand wirklich gut war? Bei meinen Vorarbeiten für diesen Artikel fand ich heraus, dass reformare auch bedeuten kann 'einen verderbten Text wiederherstellen', also z.B. den Text eines schadhaften Schriftstücks auf ein neues Pergament abschreiben. Wahrscheinlich hat die Vorlage Lücken, so dass der Schreiber sich auf seine Erinnerungen verlassen muss, wenn er nicht eine andere Handschrift zum Vergleich heranziehen kann. Aber war das, was in der beschädigten Vorlage stand, überhaupt richtig? Auch damals gab's Abschreibfehler. Vielleicht gab es auch im Original Fehler. Wenn also der Abschreiber diese Fehler korrigiert, dann stellt er den Text nicht her, wie er war, sondern wie er meint, dass es richtig sein müsste. Ob das wirklich besser ist? Schon die Römer wussten, dass man durch solche Maßnahmen auch Unheil anrichten kann, obwohl sie den Begriff verschlimmbessern noch nicht kannten.

 

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Gastbeitrag: Die Macht der Information | Sprachecke 10.12.2013

Begriffe: Feiertage | Glaubensgemeinschaften

 

Datum: 01.11.2005

Aktuell: 13.03.2017