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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Reichspogromnacht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Mindestens 91 Menschen kamen dabei ums Leben. Eine planmäßige Aktion, nach außen dargestellt als eine spontane "Entladung des Volkszorns", ein Schandfleck in unserem Gedächtnis.

Bis zur Wiedervereinigung sagte man dafür Reichskristallnacht. Der Ausdruck war wohl eher eine spontane "Entladung des Volksentsetzens" als eine offizielle Bezeichnung. "Kristall" erinnert an die zerschlagenen Schaufenster jüdischer Geschäfte. Es waren ja nicht nur Synagogen, die zerstört wurden. "Reich" meinte 'in ganz Deutschland' und 'von der Partei offiziell angeordnet'. Und "Nacht" war es, als alle diese Schandtaten verübt wurden. "Nacht", das ist zugleich eine Zeitangabe und ein Symbol: Die Nacht ist die Zeit der Verbrechen, der Angst und der Hoffnungslosigkeit.
Dieses spontan aufgekommene Schlagwort wurde von den Parteiorganen aufgegriffen, jetzt zynisch gemeint und mit Gelächter quittiert. Das macht den Ausdruck Reichskristallnacht von vornherein anrüchig.

Seit der Wende ziehen wir es vor, von einer Reichspogromnacht zu sprechen, ein sachlicher Ausdruck, der genau das sagt, was er meint: ein von der Partei geplanter und in ganz Deutschland durchgeführter Pogrom.

Diese aus dem Russischen stammende Vokabel klingt in unseren Ohren ungewöhnlich. Manche neigen daher dazu, das Wort wie Programm vorne mit Pr- zu schreiben. Es beginnt aber nicht mit der aus westlichen Sprachen bekannten Präposition pro- 'für', sondern mit der slawischen po-, die viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Russisch grom ist 'Donner, Getöse', verwandt mit unserem Gram, Grimm. Die Zusammensetzung po-grom bedeutete ursprünglich 'was zum Donner gehört: Unwetter, Verwüstung', also auch das, was wir heute Randale, Krawall nennen. Pogrom nannte man vor hundert Jahren im Zarenreich staatlich organisierte Ausschreitungen gegen die Juden.

Für die Vernichtung der Juden und der jüdischen Kultur unter der nationalsozialistischen Herrschaft hat sich seit den Achtzigerjahren das englische Wort Holocaust eingebürgert. Holokaútoma war in der griechischen Bibel das "Brandopfer", bei dem ein ganzes (griechisch hólos) Tier verbrannt (griechisch kau-) wurde. Holocaust nannte man im englischen Sprachbereich auch andere Zerstörungen, zum Beispiel bei einem Brand oder im Krieg.

Für die Ausrottung ganzer Völker allgemein sagen wir heute Völkermord oder Genozid, zu lateinisch genus 'Stamm, Volk, Rasse' und -cidere 'erschlagen'.

Die letzten 150 Jahre waren voll von furchtbaren Kriegen und vielfältigem Völkermord. Es wird eine unsrer dringlichsten Aufgaben sein zu überlegen, wie wir künftige Gräueltaten verhindern können.

   

 

 

Leseranruf:
Der Begriff Reichskristallnacht ist diesem Leser zufolge eine spätere Erfindung. Seinerzeit sei nur von Kristallnacht die Rede gewesen. Später sei Voranstellung von Reichs-" ironischer Sprachgebrauch geworden (Reichsheini für Himmler, Reichswasserleiche für die Schauspielerin Kristina Söderbaum). Zum Begriff Kristallnacht selbst merkt der Leser an, dass sich dieser keineswegs auf die Schaufensterscheiben bezogen habe, sondern auf die kristallenen Hausratsgegenstände, die gezielt vernichtet worden seien.

 

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Datum:

Aktuell: 26.03.2016