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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fremdwörter in Eigenbau

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das Taschen-Fernsprechgerät heißt auf Englisch nicht handy, sondern mobile (tele)phone oder portable telephone, der Haarkünstler auf Französisch nicht friseur, sondern coiffeur, die große Kirche auf Lateinisch nicht domus oder munisterium, sondern aedes cathedralis[1]  Umgekehrt bedeutet russisch parikmácher nicht 'Perückenmacher', sondern 'Friseur', lateinisch treuga nicht 'Treue', sondern 'Waffenstillstand', englisch lager nicht 'Lager', sondern 'helles Bier'.
Alle diese Fremdwörter haben heute eine andere Bedeutung als in den Herkunftssprachen. Englisch handy bedeutet 'praktisch, geschickt'. Französisch friser 'die Locken einer Perücke kräuseln'. Ein deutscher Perückenmacher stellt immer noch Zweitfrisuren her. Der Dom, lateinisch domus ecclesiae war der Bischofspalast, das Münster, monasterium, munisterium ein Kloster.

Wenn ein Wort einmal in eine fremde Sprache aufgenommen wurde, hat es seine eigene Geschichte, wie wir gesehen haben. Das geht sogar so weit, dass wir damit neue Wörter bilden, die es in der alten Sprache nicht gibt oder die nach den alten Regeln falsch sind.

Den Gesprächsleiter einer Unterhaltungssendung im Fernsehen nennen wir talkmaster. Im Englischen steht dafür host. Ist also talkmaster falsch? Nein, das ist der master 'Chef einer Talkshow'. Die Zusammensetzung scheint verkürzt aus talkshow master'. Die Unterhaltungssendung selbst heißt in Amerika talkshow, in England chat show.

Wenn eine Ursache eine Wirkung zeigt, sprechen wir von reagieren, Reaktion, Neuwörter, die aus lateinisch re- 'zurück' und agere, actio 'handeln, Handlung' zusammengesetzt sind. So hätte sich aber kein Römer ausgedrückt, sondern respondêre, responsio gesagt, eigentlich 'antworten, Antwort'. Re- und ag- haben die Römer ganz anders zusammengesetzt, nämlich red-igere, red-actio. Das Verb bedeutet aber nicht 'eine Handlung erwidern', sondern 'zurücktreiben, zu etwas machen, Geld einnehmen, den Wert mindern, addieren'. Im Französischen bekamen rediger, redaction die moderne Bedeutung 'redigieren, einen Text für die Veröffentlichung überarbeiten' und 'Redaktion, Textüberarbeitung'. Reagieren, Reaktion wurden erst im 18. Jahrhundert für chemische Prozesse neu gebildet, wohl absichtlich ohne -d-, um den neuen Begriff vom Wort für 'Textüberarbeitung' zu unterscheiden.

Fremdwörter kommen immer da auf, wo Menschen Kontakt mit Fremden haben oder gar in mehreren Sprachen zu Hause sind. Bis in die Neuzeit war die Zweitsprache Latein, später Französisch, heute Englisch. Die eigene Kultur ist dadurch befruchtet worden, aber nicht untergegangen. Umgekehrt hat man in Zeiten übersteigerten Nationalbewusstseins immer gegen Fremdwörter gekämpft.

  [1] daher unser Kathedrale 'Bischofskirche'. Der Bischof steht bei seiner Predigt nicht, sondern sitzt auf der cathedra, dem Bischofsstuhl.

 

 

Weitere Beispiele:

Keks 'Plätzchen' wurde im 18er-Jahrhundert aus engl. cakes 'Kuchenstücke' übernommen und eingedeutscht. Das Gebäck heißt aber englisch biscuits, amerikanisch cockies.

Pinscher, alt Pintscher 'ein Hund mit kupierten Ohren und Schwanz', deutsch 18er-Jahrhundert, zu engl. pinch 'kneifen'. Das Substantiv ist im Englischen nicht nachgewiesen.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 29.03.2011

 

Datum: 15.11.2005

Aktuell: 10.08.2017