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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die weihe Nacht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Weih- in Weihnacht ist ein altes Konkurrenzwort von heilig. Als die Germanen Christen wurden, brauchten sie ein neues Vokabular. Manche Ausdrücke aus dem alten Glauben konnten sie übernehmen, einige passten nicht mehr und viele Begriffe waren vorher unbekannt.

Weih- gehört zu dem ererbten Wortschatz. Das althochdeutsche wîh bedeutete als Adjektiv 'heilig', als Substantiv, 'Heiligtum, Tempel', altenglisch wéoh 'Götterbild'. Es weist also in die heidnische Zeit zurück. Auch heilig ist ein altgermanisches Wort und kommt schon in einer heidnischen Runeninschrift vor. Gemeint war ursprünglich 'Heil bringend'. In manchen Ohren klang das wie 'mit einem Glück schaffenden Zauber behaftet'. Beide Wörter existierten nebeneinander; diese Konkurrenz hat weih- zurückgedrängt in ein paar Sonderbedeutungen wie weihen, Weihrauch, Weihnacht.

In einem Weihnachtslied heißt es: "Christ, der Retter ist da." Das alte deutsche Wort für 'Retter' ist die gelungene Neubildung Heiland, ein Partizip 'der Heilende'. Gemeint ist 'der Heilbringer', nicht nur 'der ärztlich Heilende'. Auch zu Heiland gab es einen konkurrierenden Ausdruck, der ganz in Vergessenheit geraten ist: althochdeutsch nerient zu nerien, aus dem unser nähren entstanden ist. Das Wort stammt aus der gotischen Kirche. Das zugrunde liegende gotische nasjands war nicht der 'Nährer', sondern der 'Retter'. Das Wort hat also im Deutschen eine Sonderbedeutung bekommen und ging deshalb im religiösen Gebrauch verloren.

Nun gab es aber auch altererbte religiöse Wörter, die nicht mehr für den neuen Glauben passten: An den alten heiligen Stätten (althochdeutsch alah, harug) baute man Versammlungshäuser: Kapellen, Kirchen und Kathedralen mit neuen Ausdrücken aus dem Lateinischen und Griechischen.

Auch die heidnischen Priester hatten keine Funktion mehr. Das germanische Wort dafür, guðja, weiblich *guðo hat im Christentum eine neue Verwendung gefunden als Göte, Gote 'Pate, Patin'. Guðja war der 'Gottesmann', zu guð 'Gott'. Das christliche Wort Priester stammt über romanisch prestre aus lateinisch presbyter 'Kirchenältester'. Das war ursprünglich kein Kultdiener, sondern ein Kirchenvorsteher.

In den nordischen Ländern sagt man für 'Weihnachten' Jul, wohl ein allgemeines Wort für 'Fest'. Gotisch fruma jiuleis 'erster Julmonat' war der 'November', dazu gehört wohl ein anþara jiuleis 'zweiter Julmonat' als 'Dezember'. Das Altenglische hatte Crístes mæsse 'Christmas, Christi Fest'. Jul und Christmesse scheinen in den südgermanischen Dialekten zu fehlen. Demnach gab es kein einheitliches germanisches Winterfest. Weihnachten war von Anfang an christlich.

   

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Begriffe: Feiertage | heilig | Weihnachten

Sprachecke 23.12.2003

 

Datum: 20.12.205

Aktuell: 27.05.2017