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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Karten und Kerzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine Zeit der Karten und Kerzen ist er ja wirklich, der Dezember. Kerzen erfreuen im dunkelsten Monat unsre Herzen und auf Karten schreiben wir Glückwünsche zum Fest und zum neuen Jahr.

Die beiden Wörter Karte und Kerze klingen ähnlich und sind nach Meinung einiger Gelehrter sogar miteinander verwandt: Griechisch χάρτης khártes, lateinisch charta war ein Zettel aus Papyrus. Aus Papyrusfasern hat man auch Dochte für Lampen und Kerzen gemacht. Dafür sagten aber die Römer papyrus, nicht charta. Kerze kann also nicht von charta kommen. Woher aber sonst?

Kerze scheint abgeleitet zu sein von althochdeutsch karz 'Werg' und 'Docht', den man daraus drehte. Werg erhält man durch Auskämmen ("krempeln") von Hanf oder Flachs vor dem Verspinnen. Dazu nahm man die getrockneten Blütenstände der Weberkarde, die der Distel ähnelt (lateinisch carduus, daraus wohl germanisch kard-s-a 'Werg, Docht' und kards-jo 'Kerze').

Genauso unklar ist die Herkunft von Karte und griechisch khártes 'Papyruszettel'. Da Papyrus aus Ägypten stammt, hat man ein ägyptisches Lehnwort vermutet. Aber in Ägypten verwendete man dafür ganz andere Ausdrücke. Es gibt auch keine ähnliche ägyptische Vokabel, die an Papyrus erinnert. Khártes könnte aber verwandt sein mit mittelpersisch han-gêrt 'Brief', eigentlich 'zusammengeschnürt', nach der damaligen Sitte, Papyrusbriefe zusammenzurollen und zu verschnüren. Dazu passt unser gürten, Gürtel.

Kerze und khartes sind also Waisenkinder, Eltern ungewiss, Gentest nicht eindeutig. Aber sie haben überlebt und ihre Nachkommen leben unter uns:

Die Kerze kennen wir nicht nur als Leuchtkörper, sondern auch als Zünder im Motor und als Übung beim Turnen. Obwohl sich Kerzen oft verbiegen, sagen wir kerzengerade.

Khártes hat noch viel mehr Nachkommen: unsere Karte als Postkarte, Landkarte, Eintrittskarte, Speisekarte, Spielkarte, Kreditkarte, Steckkarte (mit elektronischen Bauteilen), Karteikarte und daraus die Kartei. Eine Karte war ursprünglich aus stärkerem, haltbarerem Papier. Grundlage ist französisch carte, dies wiederum aus italienisch carta 'Papier' und lateinisch charta. Daraus die Vergrößerung cartone, Karton 'Pappe, Pappschachtel' und die Verkleinerung cartello, Kartell 'Zusammenschluss' (eigentlich eine "Karte" mit dem Vertragstext). Direkt aus dem Lateinischen stammt Charta 'Verfassungsurkunde'. Das Altfranzösische hatte aus lateinisch cartula 'kleine Urkunde' das Wort chartre mit dem üblichen französischen Ch statt C. Davon englisch charter 'Urkunde' und unser chartern 'ein Transportmittel mieten', also eigentlich 'einen Mietvertrag ausstellen'. Aus italienisch scarto 'abgelegte Karte' (s- aus ex-) stammt in vereinfachter Form unser Skat 'ein Kartenspiel'.

   

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Datum: 27.12.2005

Aktuell: 26.07.2016