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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fest der Narren

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Sprachwissenschaftler sind seit langem in drei Lager gespalten: Die einen erklären das Wort Fastnacht als 'Nacht vor der Fastenzeit'. Die anderen verweisen auf die Mundarten und behaupten, dass Fastnacht ohne T die richtige Form ist, ohne aber eine überzeugende Erklärung zu haben. Die dritten versuchen zu vermitteln: Der Bezug auf die kommende Fastenzeit sei eine Umdeutung des unverständlichen Wortes ohne T.

Genau so uneins sind die Gelehrten, wie dieses Fest entstanden ist. Von der Geschichte her müsste sich auch der Name erklären lassen. War es ein ursprünglich heidnisches Fruchtbarkeitsfest (dann zu althochdeutsch fasal 'Same, Frucht, Nachkomme')? Oder geht es auf eine Reinigungszeremonie zurück (dann aus indogermanisch pwos-, mit dem auch fasten erklärt wird)? Oder war es eine Fressorgie vor dem Beginn der Fastenzeit, wie der heutige Name nahe legt?

Die älteste Form dieses Wortes steht im Parzival 409,9 (zwischen 1200 und 1210). Da heißt es, die Kauffrauen von Dollnstein hätten an vasnaht aus Jux eine Art Kriegstanz aufgeführt, wohl als Gruppe bei einem Umzug. Noch im selben Jahrhundert ist vaschanc (heute Fasching) bezeugt, um 1300 vasenaht. Die Form Fastnacht stammt erst aus der Zeit nach 1300, also mehr als 100 Jahre nach vasnaht. Damit ist der Streit um das T entschieden: Die Form Fastnacht ist jünger und beruht auf einer Umdeutung.

Anders als damals angenommen kommen Fastnacht tatsächlich von Fasten. Das mundartliche Fasnacht erklärt sich aus mittelalterlichen Sprechgewohnheiten.

Das Sch in vaschanc, Fasching lässt sich erklären als Variante von S. Auch beim spätmittelalterlichen faschenacht und in hessisch rosen, roschen 'im Bett herumtoben' (eigentlich rasen) ist S zu Sch geworden. Fasch- ist also dasselbe wie Fas- und -anc wird eine seltene Nebenform von -íng sein.

Wie die Nürnberger Fastnachtsspiele im 16. Jahrhundert zeigen, hat man vor Beginn der Fastenzeit noch einmal geschlemmt. Wolfram von Eschenbach vermittelt im Parzival ein anderes Bild: Da führen sich ansonsten biedere Geschäftsfrauen auf wie kriegerische Amazonen. Sie zeigen ein Benehmen, das im normalen Leben nicht geduldet würde. Das tun sonst nur Verrückte, die bei anständigen Leuten nichts gelten. Verrücktheit, Narretei in Verhalten und Aussehen ist ein wichtiges Element im Karneval. Fastnacht ist also in seiner ältesten Erwähnung ein Narrenfest.

In diesem Sinne müsste auch Fas-, Fasch- zu erklären sein. Einige Forscher verweisen auf faseln 'wirres Zeug reden', das aber erst seit dem 17. Jahrhundert bezeugt ist, vielleicht eine Weiterbildung zu dem gesuchten Wort. Die vereinzelten Wörter mittelniederdeutsch vâse 'Torheit, Unsinn' und spätaltnordisch arga-fas 'böser Unsinn, dummer Streich' stützen die Deutung als 'Narrenfest', vielleicht zu mittelhochdeutsch vase 'Faser' im Sinne von 'etwas Wertloses'.

   

 

 

Leserbrief

Ihr "Fest der Narren" ließ mich Herbert Hungers "Myth.-Lex." (rororo) unter "Dionysos" aufschlagen.
»In Athen hielt D. seinen feierlichen Einzug auf dem Schiffskarren ... dieser Einzug des D. fiel mit den Anthesterien (im Februar) zusammen«:

Schiffskarren = carrus navalis = Karneval, welches Wort auch Sie verwenden.

und: »Die Anhänger des D. sind des Gottes voll ("enthusiasmos"!), sie treten aus ihrer alltäglichen Lebens- und Wesensart heraus ("ekstasis"!) und folgen in begeistertem Rausche dem Schwarm (thiasos) des Gottes über die Berge und durch die Wälder. die bakchai (Mänaden, Thyiaden oder Bakchantinnen) - nur Frauen nehmen an diesem Treiben teil! - mischen sich efeubekränzt, mit Rehfellen und Thyrsosstäben ausgestattet, tanzend unter die Schar der Satyrn und Nymphen. Im orgiastischen Taumel zerfleischen sie junge Rehkälbchen und verzehren das rohe Fleisch."
Da haben sie Ihre "ansonsten biederen Geschäftsfrauen".
So dürfte die Fastnacht, auf welchem Wege auch immer, aus dem klassischen Altertum bis zu uns gekommen sein; und da auch die römische Kirche dagegen machtlos war, integrierte sie dieses heidnische treiben in ihren Kalender.
Postscriptum: in einer Radiosendung des swr 2 hörte ich das fasnächtliche Ritzambaa erklärt. Damit dankten die Mainzer dem napoleonischen general Riçambeau für die Genehmigung, Karneval zu feiern.

Meine Antwort:

Dazu braucht man gar nicht ins Altertum zurückzugehen. In der Renaissance war das "Narrenschiff" ein geläufiges Bild einer verkehrten Welt.
Über die Vorgeschichte der Fastnacht gibt es verschiedene Meinungen:

1. Weiterleben antiker Bräuche, zu denen auch die römischen Saturnalien zählen: Dieses Fest war weniger orgiastisch als närrisch, indem es die bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt hat. Das würde gut zu meinem "Fest der Narren" passen. Rom liegt ja auch näher als Athen.
2. Germanische oder keltische Bräuche (Germanen sind im Moment ja nicht mehr salonfähig). Art Winteraustreiben, Umzug der Geister am Jahresende (der März war im alten Rom der 1. Monat). Ein Reinigungsfest (lateinisch
februarius bedeutet 'Reinigungsmonat'). Der aktuelle "Kluge" will Fastnacht wie fasten von einem indogermanischen pwos- ableiten, das mir nicht geheuer ist, denn die Indogermanen hatten kein pw-.

3. Ein genuin christliches Fest,
a) erklärt aus der mittelalterlich-christlichen Weltanschauung: Die christliche Religion ist die vernünftige Art zu leben, wer das nicht tut, ist ein Narr. Es werden ja schon im Alten Testament die so genannten
Gottlosen (eigentlich 'die Gewissenlosen', die an keine Moral gebunden sind) Toren genannt. Weisheit (richtiges Verhalten) und Torheit (unsinniges Verhalten) wurden in Fastnachtsspielen szenisch vorgestellt. In der Renaissance wurde dieses Thema literarisch aufgegriffen: Sebastian Brant, Das Narrenschiff; Dedekind, Grobianus, ein Anti-Knigge, wie man's nicht machen soll. Auch Maler wie Peter Bruegel und Hieronymus Bosch haben sich damit beschäftigt.
Die derzeit "gültige" wissenschaftliche Meinung ist: Die Kirche hat das Narrenfest aus pädagogischen Gründen ins Leben gerufen, hatte dann aber ihre liebe Not, die ausufernde Festfreude zu zügeln. Noch vor 300 Jahren soll der Erzbischof von Mainz versucht haben, die Fassenacht zu verbieten.
b) In den szenischen Nürnberger Fastnachtsspielen von Hans Sachs u. a. ist Fastnacht eine Fressorgie: Vor der langen Fastenzeit schlägt man sich nochmals tüchtig den Bauch voll. Daher die traditionelle Erklärung 'Vorabend vor Fastenbeginn'. Wie in meinem Artikel gezeigt, ist die Schreibung
Fastnacht über 100 Jahre jüngere als die ohne T. Die Anknüpfung an das folgende Fasten ist also eine spätere Umdeutung.

Es gibt aber noch mehr zu bedenken:

4, Die ganze dunkle Jahreszeit ist geprägt von Verkleidungsbräuchen, Umzügen und Umgängen: Halloween, St. Martin, Nikolaus / Christkind / Weihnachtsmann / Drei Könige / Fastnacht. Das jüdische Purimfest im Februar-März hat zwar einen ganz anderen Hintergrund, wird aber ähnlich begangen mit Besäufnis, Maskeraden und Spielen.

5. Die mittelalterliche Kirche hatte zwei Fastenzeiten, die erste vor Weihnachten, beginnend mit dem Martinstag. Auch an diesem Tag hat man geschmaust (Martinsgans). Mit dem Martinstag beginnt heute noch der landwirtschaftliche Winter, die Zeit, in der im Feld nichts mehr zu tun ist und in der man durch die lange Dunkelheit auch auf dem Hof nicht viel tun kann. Zwischen Martini und Lichtmess musste man notgedrungen bei künstlichem Licht arbeiten. Martini ist heute noch Pachttermin: Da sind die Felder abgeerntet, ein Pächterwechsel ist möglich.
Nach einer Meinung, die ich nicht teile, ist die Kerb das herbstliche Gegenstück zur Fastnacht. Da machte man nämlich ebenfalls Umzüge, z. T. mit denselben Kostümen. Ich weiß nicht, ob Sie das Buch "Odenwälder Brauchtum" von Helmut Seebach kennen (mit wertvollen alten Photos von Heinrich Winter).
Mein Gegenargument: Kerb = Kirchweihe, die mir bekannten Termine ziehen sich von Juni bis November. Da man im Winter nicht viel bauen konnte, wurden die Kirchen erst in der 2. Jahreshälfte fertig. Man weihte sie, sobald der Bischof Zeit hatte.

Die Erklärung für Ritzambaa habe ich anders in Erinnerung: Der Kommandeur hätte die Fassenacht verboten, worauf die Meenzer lautstark protestieren. So auch im Südhessischen Wörterbuch, nach dem der Franzose Ressambeau hieß.

 

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Übersicht

 

Echo Online | Sprachecke 17.02.2015

Etymologie Fastnacht | Begriffe: Fastnacht | Feiertage

 

Datum: 24.01.2006

Aktuell: 23.02.2017