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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eiszeit

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Gerade eben hat sich eine Bekannte von einem Hilfseinsatz im Bayrischen Wald zurückgemeldet: Unvorstellbare Schneemengen mussten vom Technischen Hilfswerk von den Dächern geräumt werden. Kommt eine neue Eiszeit?

Die Inuit in Grönland und Alaska leben ja wirklich unter eiszeitlichen Verhältnissen. Man sagt, sie hätten mehr als ein Dutzend verschiedene Ausdrücke für 'Schnee'. Auch bei uns gibt es verschiedene Wörter: das allgemeine Schnee und Zusammensetzungen wie Schneeflocke, Schneegestöber, Neuschnee, Pulverschnee, Pappschnee, Schneematsch, aber auch Sondervokabeln wie Firn 'alter Schnee' (zu althochdeutsch firni 'alt'), Wehe, Wechte 'Schneehaufen', Lawine 'zu Tal gehende Schneemassen' (aus dem Rätoromanischen zu lateinisch labi 'rutschen'). In dieses Bedeutungsfeld gehören auch Reif, Graupel und Hagel 'andere gefrorene Niederschläge' sowie Gletscher 'dicke Eismasse' (aus dem Rätoromanischen zu lateinisch glacies 'Eis'), wohl auch Winter als 'weiße Jahreszeit' (zu keltisch vindos 'weiß'). Zu bedenken sind auch schneien (allgemein), rieseln 'gleichmäßig herabfallen', stieben 'durcheinander wirbeln'.

Wie altindisch sneha-, lateinisch nix, walisisch nyf, litauisch sniẽgas, russisch sneg 'Schnee', griechisch niphás 'Schneeflocke' zeigen, stammt unser Wort Schnee aus dem Indogermanischen. Dass am Anfang manchmal ein S steht und manchmal nicht, braucht uns nicht zu stören. Wie bei schlecken neben lecken ist dieses "bewegliche S" in den indogermanischen Sprachen eine häufige Erscheinung.

Zugrunde liegt ein indogermanisches (s)nei-ğʰ- und diesem wiederum eine uralte Wurzel ne-, die alles Mögliche bezeichnen kann, was mit Wasser zu tun hat: vietnamesisch nhe 'fließen', ägyptisch nwj 'Wasser', lateinisch na- 'schwimmen'; mit Stammerweiterung arabisch na-dda 'befeuchten', mongolisch nû-r 'See', tamilisch nî-r 'Wasser' und vieles andere mehr, Vokabeln, die auf der ganzen Welt verbreitet sind und auf ein Wort zurückgehen, das schon in der Eiszeit gesprochen wurde.

Finnen und Indogermanen haben ein Wort für 'Eis' gemeinsam: Finnisch jää, ungarisch jeg passen zu anord. jaki 'Eisstück' mit der Verkleinerung althochdeutsch ichilla, altenglisch gicel (gesprochen "jitchel") 'Eiszapfen', isländisch jökull 'Gletscher'. Dazu mittelirisch aig 'Eis', hethitisch ekunas 'kalt'. Ob auch dieses Wort bis in die Eiszeit zurückgeht? [a]

Ein im Meer schwimmender Gletscher heißt in vielen Sprachen Eisberg, das wohl von dänisch isbjerg stammt: schwedisch isberg, englisch, französisch iceberg, niederländisch ijsberg, aber auch litauisch áisbergas, russisch айсберг (áisbʲerg). Eisberge gibt es nur im Polarmeer. Sie wurden wahrscheinlich von dänischen Seefahrern entdeckt, die ihnen ihren Namen gaben.

   

 

 


Ergänzung: tungusisch *djuke 'Eis'

 

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Echo Online

 

Datum: 21.02.2006

Aktuell: 26.03.2016