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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Butzemann und Mummenschanz

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Bi- Ba- Butzemann im Kinderlied ist ein Kobold oder jemand, der sich als Geist verkleidet hat. In der Kindersprache bedeutet Butzemann auch 'Butzen, Popel, verhärteter Nasenschleim'. Wenn man ihn mit dem Taschentuch entfernt, "putzt" man sich die Nase. Dieses Wort wurde ursprünglich butzen geschrieben und bedeutete im 16. Jahrhundert 'den Butzen aus der Nase oder vom Docht entfernen'. Daran haben sich weitere Verwendungsmöglichkeiten angehängt: 'reinigen allgemein; schöne Kleider anziehen, sich schön machen; eine Wand mit Mörtel verkleiden'.

Der vermummte Butzemann hat eine längere Vorgeschichte: Mittelhochdeutsch butze ist ein Schreckgespenst, vor dem einem graut, also ein Popanz, ein verkleideter Mensch oder eine Grauen erregende Figur. Einen Schrecken einjagen sollte auch der Rübenboz, eine ausgehöhlte Rübe mit Gesicht und einer Kerze darin, wie heute an Halloween der lustige Kürbis.

Gar nicht lustig fand es der langobardische König Rothari (7. Jahrhundert), wenn jemand walopaus machte und einem Freien Gewalt antat. Darum hat er das in § 31 seines Gesetzes verboten. Dieses Wort, in althochdeutscher Schreibung walobauz bedeutet 'verderblicher Schlag, Gewalttat'. Rotharis Juristen deuteten es aber als 'verderblichen Butzen' und leiteten davon ein Vermummungsverbot ab. Seitdem war es auch ein zusätzlicher Straftatbestand, wenn sich ein Räuber verkleidete oder maskierte. Paus bedeutete also 'Schlag' und 'Vermummung'.

Mit Butzen, Boz bezeichnet man allgemein eine formlose Masse, so gestaltlos wie ein Gespenst, das durch ein Kostüm oder eine Figur dargestellt werden soll. Was man sich da aus der Nase entfernt, ist also kein 'Gespenst', sondern ein 'Klumpen'.

Ein ähnlicher Zusammenhang scheint zwischen Popanz 'Schreckgestalt' und Popel 'Schmutzklümpchen in der Nase' zu bestehen. Der Popanz hat Verwandte in Osteuropa: tschechisch pobonĕk 'Gespenst', litauisch babauzė 'Vogelscheuche', vielleicht aus dem Naturlaut buh, puh, den angeblich auch Gespenster hören lassen.

Ein altes Wort für 'verhüllen, maskieren' ist vermummen, abgeleitet aus dem Naturlaut mumm. So hört sich's an, wenn man mit vollem Mund zu sprechen versucht. Mummen bedeutete also ursprünglich 'undeutlich sprechen'. Wer nicht erkannt werden will, "mummt", verstellt seine Stimme und "vermummt sich", verändert sein Aussehen.

Mummenschanz war im Spätmittelalter ein Würfelspiel (zu französisch chance 'Wurf, Glück'), vielleicht weil man dabei "mumm" sagen musste, ähnlich wie man bei einem modernen Kartenspiel mau mau sagen muss. Weil mummen auch 'verkleiden' bedeutet, bekam Mummenschanz den Sinn von 'Maskerade, Fastnachtstreiben'.
 

   

 

 

Frage:
Gehören die Butzenscheiben nicht auch in diese Gruppe?

Meine Antwort:
Diese altertümlichen Glaselemente sind benannt nach einem Klümpchen (Butzen) auf der Mitte der gewölbten Seite.

 

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Übersicht

 

Echo Online

Etymologie Butz | mummen

 

Datum: 28.02.2006

Aktuell: 26.03.2016