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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Blüten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nun blühen sie bald wieder, die Bäume an der Bergstraße. Wir freuen uns darauf. Über Stilblüten amüsieren wir uns. Aber Blüten im Geldbeutel sind ärgerlich.

Warum sagen wir Blüten auch für sprachliche Entgleisungen und gefälschte Banknoten?

Blumen sind kunstvolle Umschreibungen, die leicht misslingen und zu Stilblüten werden. Dasselbe Bild liegt vor bei dem Ausdruck "durch die Blume sprechen", das Gemeinte umschreiben und nicht direkt, "unverblümt" sagen. Eine Blütenlese (aus griechisch νθολογία anthología) dagegen ist eine Gedichtsammlung, eine Auswahl der besten Gedichte (Blüten).

"Taube Blüten" wurden nicht befruchtet und bringen keine Früchte. Ob das der Vergleichspunkt für die nachgemachten Geldscheine ist? Sie machen uns falsche Hoffnungen wie taube Blüten.

Blüte ist eigentlich ein Abstraktum, 'das Blühen' im Unterschied zum konkreten Blume. Heute unterscheiden wir aber den Pflanzenteil, aus dem sich die Frucht entwickelt (Blüte), von der krautigen Pflanze, die um ihrer schönen Blüten willen gezüchtet wird (Blume). Trotzdem fahren wir immer noch zur Baumblüte an die Bergstraße und zur Tulpenblüte nach Holland (abstrakte Bedeutung).

Blume und Blüte sind Ableitungen aus dem Verb blühen. Dasselbe Nebeneinander von -me, -t und Vokalauslaut haben wir in Same, Saat, säen und gleichbedeutend lateinisch semen, satio, sere, griechisch σπέρμα spérma 'Same', Σπάρτη Sparta (Ortsname), σπείρειν speírein 'säen'. Diese Bildungen sind also schon indogermanisch.

Die Blüte steht im Ablautverhältnis zu Blatt und ist entstanden aus dem indogermanischen Stamm bʰel-, bʰle-, zu dem auch griechisch φύλλον phýllon, lateinisch folium 'Blatt', irisch bile 'Baum' und lateinisch flos, walisisch blawd 'Blume' gehören.

Die deutschen Wörter haben weitere Sonderbedeutungen: Die Blume des Weins ist sein Duft oder Bukett (französisch bouquet 'Blumenstrauß'), die Blume des Biers der Schaum auf dem Glas. Ähnlich ist es mit lateinisch flos lactis, 'Blume der Milch, Sahne' (österreichisch Obers 'das Obere').

Von lateinisch flos / floris kommt Floristik 'Blumenkunst'. Der Trauerflor stammt dagegen von niederländisch floer 'Samt', Mehrzahl floers 'Schleier' und ist entstanden aus französisch velours 'Samt', zu lateinisch villosus 'zottig'.

Lateinisch flos kann auch 'Mehl' bedeuten. Das Englische unterscheidet künstlich flower 'Blume' und flour 'Mehl'. Ähnlich war es im Altkeltischen: Blâton entsprach unserm Blüte. Ein anderes blâton 'Mehl' ist aus mlâton 'Gemahlenes' entstanden. Französisch blé 'Getreide' dagegen stammt von einem germanischen Wort (altenglisch bléd 'Pflanzenteil: Blüte, Blatt, Zweig, Frucht'): ein verwirrendes Nebeneinander verschiedener Wörter und Bedeutungen.

   

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Echo Online

Sprachecke 26.10.2010 | Begriffe Blumen

 

Datum: 28.03.2006

Aktuell: 26.03.2016