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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Luftströmungen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief

 

Heftige Winde, Stürme, Orkane sind wir ja in den letzten Jahrzehnten gewöhnt. Besonders an der Nordseeküste sind sie nichts Seltenes, diese Luftströmungen über hunderte von Kilometern vom Hoch zum Tief. Wirbelstürme wie neulich in Hamburg waren bisher selten.

Die Meteorologen unterscheiden die Winde nach ihrer Stärke (Stille, Zug, Brise, Wind, Sturm, Orkan) und nach der Art der Luftbewegung: waagrecht (Wind), senkrecht (Aufwind, Abwind), kreisförmig (Wirbelwind). Für die Windrichtung (Ostwind, Westwind) haben wir heute keine eigenen Namen mehr, im Unterschied zum Altertum, (etwa griechisch boréas 'Nordwind', lateinisch auster 'Südwind').

Eine Brise ist ein leichter Wind. Das Wort stammt aus der westeuropäischen Seemannssprache. Oberitalienisch birsa ist der 'Nordostwind'. Das erinnert an althochdeutsch bîsa 'Nordwind', dazu bisôn 'rennen, einher stürmen'. Bei Brise wurde ein R eingeschoben wie bei pusten / prusten, tappen / trappen, Busen / Brust.

Eine ist ein Windstoß, zu niederländisch bui und altrussisch buj 'tapfer, wild'.

Wind ist die allgemeine Bezeichnung für 'Luftströmung' und ist eine Partizipialbildung von wehen, also wehend: ein uraltes Wort, wie lateinisch ventus, hethitisch huwant- zeigen. Ähnlich Arabisch هواه hawâʔ 'Luft'. Die Ursilbe hwê- 'wehen' ahmt das Blasen nach: H symbolisiert den Luftstrom, den wir durch die gerundeten Lippen (W, englisch ausgesprochen) ausstoßen. Eine Windsbraut ist nicht die Verlobte des Windes, sondern sein Brauen 'Toben' (schon althochdeutsch wintes prût 'Wirbelwind', eine Bildung wie säen / Saat).

Sturm 'starker Wind' war ursprünglich das Wort für die größte Windstärke und gehört zu stören 'durcheinander bringen' und altnordisch styrr 'Tumult, Kampf', eine Weiterbildung wie Blume aus blühen. Sturm hat immer auch 'heftiger Angriff' bedeutet, wie heute noch beim Fußball.

Noch stärker als ein Sturm ist der Orkan, im 16. Jahrhundert aus niederländisch orkaan und dieses aus spanisch huracán entlehnt, ursprünglich aus einer Indianersprache. Aus derselben Quelle stammt englisch hurricane, das wir als Fachwort für einen amerikanischen Wirbelsturm übernommen haben (Hurrikan).

Das ostasiatische Wort dafür ist Taifun, aus kantonesisch dai fung (hochchinesisch fēng) 'großer Wind'. Die englische Schreibung typhoon erinnert an griechisch tτυφῶν (typhôn) 'Wirbelwind', zu τφος (tŷphos) 'Rauch'.

In Europa nennen wir den Wirbelsturm Tornado, ein spanisches Wort, das 'Drehung' bedeutet und vielleicht aus tronada 'Gewitter' entstellt ist. Fachwort für den Saugrüssel des Wirbelsturms ist Trombe (aus italienisch tromba 'Trompete'). Einen kleinen Tornado nennen wir Windhose, Wasserhose. Hose ist hier die an ein Hosenbein erinnernde Trombe.

 

   

 

 

Anmerkungen eines Lesers:

1. Zu den Lüften:

Ich hab mal längere Zeit in den USA gelebt. Dort unterscheidet man: Tornado entsteht überwiegend (nichts in der Natur ist ausschließlich!) über Land, Hurrican überwiegend über Wasser (speziell Karibik). Oberbegriff für beides: Zyklon (cyclone, cf. engl cycle aus griech kyklos; vgl. auch Zyklone meteorol. Tiefdruckgebiet). M. W. verwendet man heute Tornado vor allem zur Bezeichnung nordamerikanischer (auch australischer) Wirbelstürme - vermutlich weil sie dort so häufig sind, selten für Wirbelstürme in Europa.

2. Zum Wort Hurrikan:

Das spanische Wort huracán stammt aus dem Taino, einer indianischen Sprache der Antillen, huracan 'böser Geist'.

3. Zum Wort Tornado:

Interessant wäre: Haben die Spanier das Wort Tornado in Amerika geprägt oder bereits zuvor in der alten Welt verwendet und dann auf die neue Welt übertragen? Weiß man das?

Sie schreiben (und woanders liest man's ähnlich), hier sei man sich nicht ganz sicher, ob es sich von span. tornar 'drechseln, drehen' oder tronar 'donnern' herleitet. Für den Laien scheint das erste plausibel. Wieso das zweite?

Bei lat. tonare 'donnern' > span. tronar > tornado:  was passierte da mit dem r? Übrigens wurde im Italienischen tuonare ein U ins lat. tonare eingeschoben; im Spanischen entsprechend ein R? Wenn dem so war, warum ist es dann bei Tornado verrutscht?

4. Was ist der richtige Ton?

Unser donnern leitet sich doch wohl vom lat tonare her. Wie aber verhält es sich mit unserem Wort Ton 'Klang'? Man könnte meinen, es leite sich auch von tonare her, zumal es im Span. / It. auch tono gibt. Es könnte sich jedoch auch von lat sonus herleiten.

 

Meine Antwort

1. An Zyklon habe ich nicht gedacht. Ihre Erklärung für das Wort ist richtig.

2. Nach dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen 3,1209 bedeutet huracan 'schwerer Sturm' und war auch Name des Unwettergottes. Da ich kein Taino kann, wage ich nicht zu beurteilen, was das Wort wirklich bedeutet. Der germanische Donar war ja auch ein Unwettergott, ist aber deutlich nach seinem Ressort benannt (Donner). Der Name seines römischen Kollegen Jupiter bedeutet dagegen 'Vater Himmel'. Ich weiß also nicht, ob huracan 'Sturm' bedeutet hat oder ein Gottes- bzw. Dämonenname war.

3. Donner: Lat. tona- entspricht Buchstabe für Buchstabe unserm donne- (das R deutet eine Wiederholung an (vgl. klappen / klappern) und gehört nicht zum Wortstamm.

Die Kelten haben eine andere Buchstabenfolge (irisch torann, walisisch taran), die Spanier (tronar) wieder eine andere. Dass Fließlaute (L, M, N, R) ihren Platz wechseln, ist nicht ungewöhnlich, siehe ahd. hros = engl. horse. Vom Einschieben eines R war in der Sprachecke unter Brise bereits die Rede.

Bei it. tuono ist kein O eingeschoben, sondern das ist eine ganz geläufige Erscheinung, dass aus O der Doppellaut Uo wird (bonus > buono), ebenso im Althochdeutschen (gôd > guot) und im Finnischen (Suomi 'Finnland' neben Saami 'Lappe').

4. Ton 'Klang' ist als musikalischer Begriff aus griech. tónos 'Spannung einer Saite' übernommen (verwandt mit dehnen). Daher auch roman. tono.

Lat. sonus entspricht aengl. swin 'Musik, Gesang', aind. स्वन् svan- 'schallen', dt. Schwan (der angeblich singt), hat also mit dem griech. Wort nichts zu tun.

 

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Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Winde | Sprachecke 29.08.2017

 

Datum: 04.04.2006

Aktuell: 24.08.2017