Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Fabeltiere

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Der Osterhase sieht aus wie ein Feldhase. Dass er Eier legt oder Eier bemalt und versteckt, macht ihn zum Fabelwesen.

Eine Fabel im engeren Sinne ist eine Geschichte, in der Tiere wie Menschen handeln. In der Antike hatten die Helden dieser kurzen Geschichten noch keine Namen. Anders im Mittelalter: Im "Roman de Renart" (12./13. Jahrhundert nach älterer Vorlage) heißt der Fuchs Renart 'Reinhard', daher französisch renard statt provenzalisch volp 'Fuchs'. Sein Gegenspieler, der Wolf, nannte sich Ysengrim 'Eisenhelm' (zu altenglisch gríma 'Maske, Helm'). In der niederdeutschen Fabel (1487) heißt der Fuchs Reineke, die Koseform von Reinhard. Daher bei Goethe Reineke, Isegrim, dazu der Dachs Grimbart (Grimbert) und der Hase Lampe (Kurzform von Lampert). Der Bär heißt gewöhnlich Petz (Koseform von Bär). All das waren menschliche Vornamen.

"Fabelhaft" an diesen Tieren ist nur, dass sie sich wie Menschen verhalten. Der Osterhase benimmt sich aber weder wie ein Mensch noch wie ein Hase. Er gehört zu den mythischen Gestalten, mit denen man Kindern etwas erklärt: "Ihm verdanken wir die Ostereier und dem Klapperstorch die Babys". Im Mittelalter war "des Mannes Storch" eine der vielen Umschreibungen für 'Penis'.

Alle diese Tiere sind gewöhnliche zoologische Wesen, denen man ein artfremdes Verhalten angedichtet hat. Die echten Fabelwesen dagegen sind erfunden; sie stehen in keinem Biologiebuch.

Den bayrischen Wolpertinger stellt man sich als Mischwesen mit Flügeln vor. Er ist nach der Walpersnacht 'Walpurgisnacht' benannt. Leichtgläubige Menschen schickte man diese Tiere fangen.

Der riesige Vogel Roch (persisch ruch) diente Sindbad dem Seefahrer als Flugzeug. Der Name ist identisch mit französisch roc, mittelhochdeutsch roch 'Turm' im Schachspiel, ursprünglich wohl der Kriegselefant, der einen "Turm" auf dem Rücken trug.

Die germanische Erscheinungsform des griechisch-römischen Drachen ist der Lindwurm, zu althochdeutsch lint 'Drache' und Wurm in der weiteren Bedeutung 'Schlange'. Lint erinnert an den biblischen Leviathan 'Art Drache'. Ob auch finnisch lintu 'Vogel', lentää 'fliegen', altslawisch letĕti 'fliegen' damit zusammenhängen?

Ein Greif ist ein geflügelter Löwe mit Vogelkopf. Der Name erinnert zwar an die "Greifvögel", kommt aber von griechisch gryps und letztlich von einem semitischen Wort, das als Cherub aus der Bibel bekannt ist: kein menschengestaltiger Engel, sondern ein geflügeltes Tier mit Menschenkopf.

Diese vier Fabelwesen tragen Flügel, die wie bei den Genien und Engeln uralte Symbole des schwerelosen, immateriellen Geistes sind.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Fabelwesen | Geister | Sprachecke 03.03.2015

 

Datum: 18.04.2006

Aktuell: 26.03.2016