Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Eiskalte Heiligentage

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Jetzt können wir unsere Tomaten ins Freie setzen. Die Heiligentage Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia (12. bis 15. Mai) sind vorüber, an denen wir noch mit Nachtfrost rechnen mussten.
Nach alter Sitte kürzen wir diese Namen ab als
Pankraz, Servaz, Bonifaz, Sophie und fassen sie zusammen als Eisheilige. Pankraz wurde enthauptet, auch Bonifaz und Sophie waren Märtyrer. Servaz dagegen starb eines natürlichen Todes. Keiner von ihnen ist erfroren. Der Name Eisheilige hat mit ihrer Legende nichts zu tun, sondern kennzeichnet ihre Gedenktage als sehr kalt. Genauso wenig können die Apostel Petrus und Paulus etwas dafür, dass zur Zeit ihres gemeinsamen Todestages (29. Juni) "dem Korn die Wurzel faul", das Getreide reif wird. Und die "Sieben Schläfer" (27. Juni) sind unschuldig an einem verregneten Sommer. Die Sieben wurden während einer Christenverfolgung in einer Höhle eingemauert. Als man die Mauer 200 Jahre später einriss, sollen sie wieder aufgewacht sein. Die Kalendertage wurden bis vor 300 Jahren nicht nummeriert, sondern nach Heiligen benannt.

Dagegen kommt Petrus aus einem ganz anderen Grund zu seinem Ruf als Wettermacher: Ihm wurden von Christus die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut, er kann also die Tür zum Paradies auf- und zuschließen, jemand hineinlassen oder auch den Eintritt verwehren. Man kann die Bibelstelle aber auch so verstehen, dass St. Peter die Wasserhähne des Himmels auf- und zudreht, für den Regen. So trat er an die Stelle des heidnischen Wettergottes.

Der Ausdruck Sankt-Florians-Prinzip erinnert uns an den heiligen Florian, den Schutzpatron der Feuerwehr. Er wurde um seines Glaubens willen ertränkt. Als Feuerwehrmann wird er verehrt, weil er in seiner Jugend ein brennendes Haus durch sein Gebet gerettet haben soll. Das Sankt-Florians-Prinzip spielt an auf ein scherzhaftes Gebet: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an" – ein Spott, der nicht dem Heiligen gilt, sondern den Zeitgenossen, die fromm tun und bloß auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Die bisher Genannten haben wirklich gelebt. Andere Heilige sind erfunden, etwa St. Nimmerlein in der Wendung "an St.-Nimmerleins-Tag" 'nie'. Der Ausdruck kommt schon im 15. Jahrhundert bei Johann Fischart vor. Ein Gericht soll entschieden haben, dass St. Nimmerleins Gedenktag an Allerheiligen ist.

südhess. entstellt mmɛʳlınsdâg

St. Bürokratius wurde erst 1922 bekannt durch eine Satire von Friedrich Wörndel, die sich über die Bürokratie lustig machte.

Aber Sancta Simplicitas ist keine erfundene Heilige, sondern der lateinische Ausruf 'heilige Einfalt!' Die Einfalt und Weltfremdheit frommer Menschen wurde im Mittelalter nicht verachtet, sondern bewundert.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 16.05.2006

Aktuell: 26.03.2016