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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Ei oder Henne?

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die alte Streitfrage, wer eher da war, das Ei oder die Henne, scheint jetzt befriedigend beantwortet zu sein: Ein Vogel, der kein Huhn war, legte ein Ei mit veränderten Genen, dem ein Huhn entschlüpfte. Bisher hatte man den Osterhasen als Streitschlichter bemühen müssen und glaubte: Das Ei war eher da und wurde vom Hasen gelegt.

Ein Problem für Genetiker, Biologen und müßige Frager. Auch eins für die Sprachecke? Ei gewiss! Lateinkennern ist schon lange die Ähnlichkeit zwischen avis 'Vogel' und ovum 'Ei' aufgefallen. Welches Wort war eher da? Da haben wir dieselbe Frage wieder. Und die Antwort? Wie in der Biologie ist indogermanisch héwis 'Vogel' älter als ohwión 'zum Vogel gehörig, Ei', das davon abgeleitet ist.

Man nimmt an, dass unser Ei, germanisch ajja- von diesem ohwión kommt, wenn auch die Lautveränderungen nicht befriedigend erklärt werden können. Im Germanischen hat sich héwis 'Vogel' nicht gehalten, an seine Stelle trat unser Vogel, gotisch fugls, litauisch paukštis, zu pu- 'klein'.

Der Urvogel héwis ist also in Germanien ausgestorben, hat uns aber sein Ei hinterlassen. Um diesen biologischen Vergleich weiterzuführen: Daraus schlüpfte ein neues Wesen, der Vogel und aus dessen Ei schließlich in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten das Huhn.

Die Hennen haben früher nicht so viele Eier gelegt wie die heutigen hochgezüchteten Rassen. Man hielt sie mehr des Fleisches wegen und schätzte die Hähne als lebendige Wecker. Davon zeugen ihre westeuropäischen Namen: keltisch caliacos, lateinisch gallus 'Schreier' (kal-, gal- 'laut sein'). Die Vorfahren der Germanen nannten ihn kana 'Sänger' (zu keltisch, lateinisch can- 'singen'). Als kana lernten die Finnen dieses Geflügel kennen, bezeichnen heute aber damit die Henne. Die Nordseeanwohner dagegen unterschieden zwischen männlichem kana, daraus germanisch hana, deutsch hano, heute der Hahn, und dem sächlichen kânon, germanisch hôn, deutsch huon, jetzt das Huhn. Den weiblichen Vogel nannten die Westgermanen später hanjo, Henne 'die zum Hahn gehörige'.

"Sänger" ist eine sachliche Aussage über den Hahn. Später nannte man das Federvieh auch nach seinem Lockruf kock: französisch coq, englisch cock, finnisch kukko 'Hahn', dazu mit Stammerweiterung Glucke 'Hühnermutter', Gockel, Gickel und die Verkleinerung Küken, englisch chicken. Hessisch Hinkel wurde als hun-ik-el-in dreifach verkleinert.

Wie das Haushuhn aus dem Wildhuhn hat sich das Wort Hinkel aus kana entwickelt. Diese Wörter sind aber nicht von héwis 'Vogel' abgeleitet, sondern wurden auf anderer Grundlage neu gebildet.

Auch die Sprachwissenschaft bestätigt also die Reihenfolge Vogel – Ei – Huhn, wie die Biologie lehrt.

   

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Echo Online

Sprachecke 12.01.2015

 

Datum: 06.06.2006

Aktuell: 26.07.2016