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Heinrich Tischner

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Grenzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein "Eiserner Vorhang" trennte bis vor kurzem Ost- und Westeuropa. Mitten durch Berlin ging eine Mauer. Eine ähnliche Anlage, der 542 km lange römische Limes, markierte den Rand der zivilisierten Welt. Jenseits dieser Grenze gab es in den Augen der Römer nur Wildnis und Barbaren.

Früher nannte man die römische Befestigungsanlage Pfahlgraben, einfach Pfahl oder Wall. Pfahl kommt von lateinisch pālus. Das römische Wort bezeichnete einen einzelnen Holzpfosten, den man in die Erde steckte, um etwas daran zu befestigen. Vallus dagegen war einer der Pfähle, mit denen man eine Palisade (vallum) baute. Diese stand auf einer Erdaufschüttung (agger), die zusätzlich durch einen Graben (fossa) geschützt wurde. An manchen Abschnitten hat man die Erdbefestigung durch massive Mauern ersetzt, so auch in Schottland, wo der Hadrianswall die Provinz vor den Barbaren im Norden schützte. Wall bedeutet hier wie im Englischen 'Mauer', während man bei uns an eine Erdaufschüttung denkt – eine ziemliche Begriffsverwirrung.

Wir nennen die römische Grenzbefestigung heute Limes. Das lateinische Wort bezeichnete ursprünglich einen Weg zwischen zwei Äckern oder Weinbergen, der die beiden Grundstücke voneinander trennte. Man nimmt an, dass die Grenze zwischen Imperium und der Barbarei zunächst eine breite Schneise war, die man überwachen konnte. Von limes/ limitis abgeleitet sind Fremdwörter wie Limit 'festgelegte Grenze' (im übertragenen Sinn, aus dem Englischen) und limitieren 'begrenzen, beschränken' (lateinisch limitare).

Die Germanen hatten von einer Grenze ganz andere Vorstellungen: Sie wohnten mitten im Urwald auf kleinen waldfreien Flächen. Den Wald in erreichbarer Nähe nutzten sie für ihre Zwecke. Irgendwo, weit weg, war das nächste Dorf und noch weiter weg der nächste Stamm, alle säuberlich getrennt durch wirtschaftlich ungenutzte Flächen, Wälder, Sümpfe oder Berge. Dieses Niemandsland nannten sie Mark, verwandt mit lateinisch margo 'Rand'. Später bezeichnete man damit auch eine Grenzprovinz (Mark Brandenburg), den einer Dorfgemeinschaft zugeteilten Wald (Dieburger Mark) und schließlich das gesamte Areal einer Siedlung (Gemarkung).

Die Mark war also immer ein breiter Randstreifen. Für die schmale Scheidelinie dagegen kam im 13. Jahrhundert das Wort Grenze auf, aus polnisch granica (zu grań 'Kante', eigentlich 'hervorstehender Teil', verwandt mit deutsch Granne 'Ährenhaar'). Bei der Ostkolonisation wurde festgelegt, wie groß das Neusiedelland sein sollte. Dazu brauchte man exakte "Grenzen". Ähnlich haben ja schon die Römer bestimmt: "Unser Imperium geht bis zum Limes" und nicht wie die Germanen: "Unser Gebiet geht ungefähr eine halbe Tagereise tief in den Urwald hinein".

   

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Echo Online

Sprachecke 10.04.2012

 

Datum: 18.07.2006

Aktuell: 26.03.2016