Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Latwerge

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

Latwerge

Andere Arten von Brotaufstrich

Gelee

Konfitüre

Marmelade

Latwergerutsch

 

Latwerge, eingedicktes Pflaumenmus als Brotaufstrich, wird durch stundenlanges Kochen unter ständigem Umrühren in einem großen Kessel zubereitet.

Latwerge ist nur in einigen Gegenden bekannt. Ursprünglich hat dieses Wort eine Art Arznei bezeichnet, eine Mixtur aus Fruchtmus, Sirup, Honig und Heilmitteln.

Daneben war Latwerge schon im Mittelalter auch als Süßigkeit beliebt, in medizinisch kleinen Dosen, versteht sich, denn Honig oder Sirup, die man zum Süßen brauchte, waren teuer. In Großproduktion gehen konnte man erst, als es den billigen Rübenzucker gab. Schließlich aber haben weniger arbeitsintensive Brotaufstriche der Latwerge den Rang abgelaufen.

Das Wort Latwerge kommt von lateinisch electuarium 'zähflüssige Medizin', daraus mittelhochdeutsch latwârje. Das J hat man später als G verstanden und als G geschrieben. Die südhessische Aussprache "Latwé(r)je" hat noch die ursprüngliche Form bewahrt, während das rheinhessische "Látwerch" schon ein G voraussetzt.

Electuarium bedeutet wörtlich 'auserlesene Kostbarkeit, 1. Wahl'. Das Wort ist dem griechischen Original κλεικτόν ekleiktón nachempfunden, das aber 'das Ausgeleckte' bedeutet und mit unserm lecken verwandt ist. Man könnte also sachlich richtig mit 'Leckerei' übersetzen. Die richtige lateinische Übersetzung wäre elinctum.

Andere Arten von Brotaufstrich aus Früchten sind Konfitüre, Marmelade und Gelee.

Gelee, hessisch Schílleeist eingedickter Fruchtsaft, der genau so erstarrt ist wie Eis aus Wasser. Dieses Wort kommt von französisch gelée 'die gefrorene, eingedickte' und letztlich lateinisch gelata, das unserem kalte entspricht.

Bei Marmelade und Konfitüre verwendet man nicht den Saft, sondern das Fruchtmark. Konfitüre kommt von französisch confiture 'Süßigkeiten', aus lateinisch confectura 'Zubereitung', also eine sehr allgemeine Bedeutung. Marmelade dagegen war speziell das 'Quittenmus', zu portugiesisch marmelo 'Quitte', das auf griechisch μελίμηλον melímēlon 'Honigapfel' zurückgeht. Nach der europäischen Konfitürenverordnung besteht Marmelade aus Zitrusfrüchten, alles andere ist Konfitüre. In Hessen heißt diese Konfitüre aber immer noch Marmelade.

Und warum nennt man die Latwergezubereitung Rutsch? Das hängt wohl mit der Redensart zusammen "in einem Rutsch", ohne Unterbrechung, in einem Arbeitsgang. Rutsch hat auch die Bedeutung 'Fahrt'. Während einer einzigen Fahrt kann man unterwegs mehrere Vorhaben erledigen. So ist das auch beim Latwergekochen: Man fängt an mit der Zwetschgenernte und hört auf mit dem Einkochen. Früher war das dörflicher Alltag, eine notwendige Maßnahme der Vorratshaltung. Heute ist der Latwergerutsch ein liebevoll gepflegtes Brauchtum, das jetzt im Spätsommer wieder an der Reihe ist.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 05.09.2006

Aktuell: 26.03.2016