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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gammelfleisch

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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faul

vergammeln

Gammler

 

Pfui, da dreht sich mir der Magen um, wenn ich nur dran denke: Es stinkt, ist grünlich verfärbt und wimmelt von Maden: Gammelfleisch. Der Skandal, nicht das Fleisch, ist in aller Munde.

Das eklige Zeug, das trotzdem verkauft wird, ist vergammelt, verdorben und ungenießbar geworden und fängt an zu verfaulen. Was ist denn das für ein Wort, vergammelt? Hat das etwas mit dem Gammler zu tun, dem arbeitsscheuen, ungepflegten jungen Mann, der vor 20 Jahren auf der Straße herumlungerte und kiffte? Auch er war faul, wie das Fleisch. Der eine hat gegammelt, das andre ist schon vergammelt. Der eine hat gefaulenzt, das andere fault vor sich hin. Merkwürdig, wie sich diese Begriffe ähneln.

Faul bedeutete ursprünglich 'verwesend, nicht in Ordnung' und hatte schon im Mittelhochdeutschen den abgeleiteten Sinn 'träge'. Englisch foul 'verwesend' hat dagegen zusätzlich die Bedeutung 'regelwidrig' angenommen. Das ist dreimal dasselbe Wort. Dagegen stammen gammeln und vergammeln aus unterschiedlichen Familien:

Vergammeln, ein Wort aus dem Niederdeutschen, hängt mit dänisch, niederländisch gammel, schwedisch gammal, altnordisch gamall 'alt' zusammen und bedeutete ursprünglich 'alt und unbrauchbar werden'. Wir können dieses Wort bis ins Altgermanische zurückverfolgen, dann aber verlieren sich die Spuren. Ein indogermanisches gʰam- oder gʰëm- lässt sich nicht nachweisen. Wohl aber erinnert dieses Wort an hebräisch גמל gamôl 'fertig, reif sein', arabisch جمىل ğamîl 'schön' (gemeinsame Grundbedeutung 'vollendet'). Was "alt" ist muss ja nicht kaputt, sondern kann auch gereift und vollendet sein. Dazu der türkische Personenname Kemal, aus arabisch كامل Kâmil 'vollkommen' (mit hartem Anlaut). Gemeinsame Grundlage könnte ein alteuropäisches gem- 'reif, alt' sein, dem die Germanen ('alt') und die Semiten ('vollendet') unabhängig voneinander ein L angehängt haben.

Der Gammler der Null-Bock-Generation sah vielleicht vergammelt aus, war aber nicht gammel 'alt', sondern jung. Aber er gammelte, trödelte, stand müßig herum, ein Mundartwort, das es auch im Südhessischen gibt. Dazu der Gammelsbach im südlichen Odenwald, der 772 Gaminesbach hieß, zu althochdeutsch gaman 'Spaß', englisch game 'Spiel': Der Gammelsbach wurde als Bach angesehen, der seine Späße machte, vielleicht ein bisschen launisch oder auch träge war, so träge wie ein Gammler, der seinen Launen nachgab, nichts zu tun statt zu arbeiten. Auch dieses Wort lässt sich nicht bis ins Indogermanische zurückverfolgen und hat auch in den ältesten Spuren nichts mit dem Wort für 'alt' zu tun.

Das eklige Gammelfleisch macht ja wirklich keinen Spaß, auch wenn ein paar gewissenlose Geschäftsleute meinen, sie könnten ihr Spiel mit uns treiben.

   

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Echo Online

 

Datum: 19.09.2006

Aktuell: 26.03.2016