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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Drachen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Herbstzeit ist Drachenzeit. Die frischen Winde fordern geradezu auf, einen Drachen steigen zu lassen. Früher hat man diese "Windvögel" selbst gebastelt aus kreuzförmig verbundenen Stäben, speziellem Drachenpapier und viel Schnur. Außer den üblichen rautenförmigen Fliegern gab es aufwändiger gebaute Kastendrachen, die sogar kleine Lasten transportieren konnten. Nicht nur das Bauen, auch das Fliegenlassen ist eine Kunst, die nicht jedem gelingt.

Wir unterscheiden zwischen Drachen 'Windvogel' und Drache 'ein Fabeltier', aber eigentlich ist es dasselbe Wort. Das Fluggerät stammt aus China und hatte die Gestalt des Fabelwesens. Als Spielzeug kam es in Europa zu Beginn der Neuzeit auf, soll aber schon vor tausend Jahren für militärische Zwecke verwendet worden sein. Im spätrömischen Heer diente der Drache an einer Stange als Feldzeichen. Er war gebaut wie ein Windsack und flatterte und wand sich im Wind. Die Römer hatten ihn von den iranischen Parthern übernommen und nannten ihn draco, wie das Ungeheuer. Geschnitzte Drachenköpfe hatten die Wikinger auf den Vordersteven ihrer Schiffe. Die sollten die Feinde abschrecken und mussten abgenommen werden, wenn man sich der Heimat näherte. An diese Köpfe erinnert altnordisch dreki, schwedisch draka, das nicht nur 'Drache' bedeutet, sondern auch 'Kriegsschiff'.

Wenn Blicke töten könnten, würden viele Menschen nicht mehr leben. Die Römer und die Nordleute glaubten, dass der Anblick eines Drachens Verderben bringt. Diese Vorstellung steckt anscheinend schon hinter dem Namen: Der kommt von griechisch δράκων drákōn 'Drache', abgeleitet von δέρκεσθαι dérkesthai 'scharf anblicken'. Auch einem schlangenähnlichen Monster, dem Basilisken, schrieb man einen tödlichen Blick zu. Heute trägt eine harmlose Leguanart diesen Namen. Der griechische Name βασιλίσκος basilískos bedeutet eigentlich 'kleiner König', auch den Zaunkönig hat man so genannt. Vielleicht dachte man ursprünglich an die "Königsschlange", die Kobra, welche die Krone der Pharaonen zierte. Von Perseus wird erzählt, er habe einem Scheusal namens Medusa das Haupt abgeschlagen, dessen Haare aus Schlangen bestanden. Wer diesen Kopf anblickte, erstarrte zu Stein. Medusen nennen wir heute quallenartige Tiere, deren Arme sich mit Schlangen vergleichen lassen.

Ein Leguan ist kein Drache, eine Qualle kein Monster und eine Fledermaus kein Vampir. Wir haben die Welt entzaubert. Die Ungeheuer, Ausgeburten der Angst, wurden zu normalen Lebewesen. Das fing im Altertum schon an: In der Bibel ist der Drache Leviathan ein Krokodil. Aus dem Seeungeheuer Tannin wurde später der Thunfisch. Und nach Reinhold Messner ist der sagenhafte Yeti im Himalaja ein Bär, kein "Schneemensch".

   

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Echo Online

Begriffe: Fabelwesen | Geister | Sprachecke 03.03.2015

 

Datum: 02.10.2006

Aktuell: 26.03.2016