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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

West und Ost

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Noch vor zwei Jahrzehnten teilten wir die Welt in drei Teile: Den "kapitalistischen Westen", den "kommunistischen Osten" und die blockfreie "Dritte Welt" im Süden. Heute ist der "Ostblock" zerbrochen und die Länder im Osten versuchen einander mit "Kapitalismus" und Marktwirtschaft zu übertreffen. Stattdessen tritt jetzt der Gegensatz zwischen den christlich geprägten westlichen Staaten und den islamischen Ländern im Osten stärker hervor.

Statt West und Ost sagen wir auch Abendland und Morgenland oder nach dem Lateinischen Okzident und Orient: Hier orientieren wir uns nach dem Stand der Sonne, wo sie am Morgen oder Abend steht. Luther gebrauchte in seiner Bibelübersetzung fast ausschließlich Abend, Morgen, Mittag, Mitternacht für die Himmelsrichtungen. Dabei waren die Wörter Westen, Osten, Norden, Süden schon Karl dem Großen bekannt. Diese germanischen Wörter werden heute in ganz Westeuropa gebraucht. Sie traten an die Stelle der antiken Namen für die Winde wie Boreas 'Nordwind', Zephir 'Westwind'. Die Winde sind ja in den verschiedenen Gegenden unterschiedlich, die Sonne aber geht überall im Osten auf und im Westen unter.

Süden, althochdeutsch sunt hängt wohl mit Sonne, althochdeutsch sunna zusammen. Auch der Osten ist nach der Sonne benannt: Die rote Morgensonne, griechisch Ἔως Éōs, lateinisch Aurora hatte einen eigenen Namen, der auch in finnisch aurinko 'Sonne' steckt. Westen gehört zu lateinisch vesper 'Abend'. Norden, die Richtung, wo die Sonne unter dem Horizont ist, erinnert an griechisch νέρτερος nérteros 'der untere'.

Im volkstümlichen Sprachgebrauch liegt aber Hamburg "oben" und München "unten", obwohl die bayrische Hauptstadt 500 m höher liegt: Wir denken da an die Lage auf der Landkarte.

Im alten Indonesien kannte man keine Himmelsrichtungen, sondern sagte "auf der Bergseite" oder "hinten". Das war je nach Situation unterschiedlich und man musste sich immer wieder neu "orientieren". Dieses Wort bedeutet die 'Karte nach Osten ausrichten', wie es im Mittelalter üblich war. Heute sind die Karten nach dem Kompass "genordet".

Auch im "Orient" nennt man die Körperseiten an Stelle der Himmelsrichtungen: "Vorn" ist der Osten, daher hebräisch קדם qädäm 'vorn, Osten, Vorzeit'. Der Süden ist "rechts", (ימין jamîn), der Norden "links" (שמאל śmôl). Von den arabischen Ländern liegt Jemen im Süden und Syrien (Schim'al) im Norden. Der Westen heißt hebräisch ערב äräb, arabisch غرب gharb zu einem Wort für 'untergehen'. Das arabische "Abendland", Maghreb, ist Westafrika. Für uns dagegen liegt der Schwarze Kontinent "gen Mittag".

   

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Echo Online

 

Datum: 24.10.2006

Aktuell: 27.05.2017