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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Alle Jubeljahre

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was haben die Nachkommen gejubelt! Das Jubelpaar verzichtete darauf, anlässlich des Ehejubiläums die ganzen Ersparnisse auf einer Weltreise zu verjubeln. Es begnügte sich stattdessen mit einem Wochenende im Odenwald. Da bleibt ein hübsches Sümmchen zu vererben.

Wer jubelt, bringt lautstark seine Freude zum Ausdruck. Das haben die Erben wohl auch getan. Dagegen ist kaum anzunehmen, dass das Ehepaar bei der Weltreise viel Lärm gemacht hätte. "Verjubeln", das ist halt so ein Ausdruck für 'beim Feiern viel Geld ausgeben'. Das kann man laut oder leise tun. Warum sagen wir aber "Jubiläum, Jubelpaar"?

Die Wörter jubeln und Jubiläum haben nichts miteinander zu tun. Beide kommen zwar aus dem Kirchenlateinischen (iubilare und iubilaeum), haben aber eine unterschiedliche Geschichte:

In iubilare, jubilieren, jubeln steckt der Freudenruf ju!, juchhe!, juhu!, der auch in juchzen, jauchzen, johlen, jaulen, jodeln enthalten ist und wohl auch in nordisch Jul 'Weihnachten'. Alle diese Verben bedeuten also 'juhu schreien'.

Das Jubiläum dagegen hat seinen Ursprung in der Bibel: Schon in biblischen Zeiten gab es Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Nach damaligem Brauch mussten sie Grund und Boden verpfänden und als Sklaven ihre Schulden abarbeiten. Dies führte zu sozialer Härte und Ungerechtigkeit. Die Thora verfügt daher, dass generell alle sieben Jahre die Schuldsklaven frei gelassen und alle fünfzig Jahre die ursprünglichen Besitzverhältnisse wieder hergestellt werden sollen. Der Beginn des 50. Jahres wird durch das Blasen eines Widderhorns bekannt gegeben. Dieses Signalinstrument heißt hebräisch שופר היובל šôfár ha-jôbél 'Widderhorn' (samaritanisch jûbél). Daher kommt der Name  שנת היובלšenat ha-jôbél und die lateinische Übersetzung annus iubilaeus 'Erlassjahr'.

In der mittelalterlichen Kirche schuf Papst Bonifatius VIII. 1300 das katholische Ablassjahr, das seit 1475 alle 25 Jahre begangen wird. In diesem Zusammenhang entstand das deutsche Wort Jubeljahr. Es wurde in der Renaissance durch das lateinische Jubiläum verdrängt.

Weitaus häufiger sind die Feiern zum Gedenken an die 25. oder 50. Wiederkehr von besonderen Ereignissen. Hier fangen die sprachlichen Schwierigkeiten an: "Dreißigjährig" sind Menschen, die 30 Jahre alt sind oder Ereignisse, die drei Jahrzehnte dauern wie der "30-jährige Krieg". Ein Jubiläum dauert aber höchstens ein paar Tage. "Fünfzigjähriges Jubiläum" ist also nicht logisch, hat sich aber eingebürgert. Ganz falsch ist "50. Jubiläum", denn das fände statt, wenn es zum fünfzigsten Mal gefeiert wird, also nach 2500 Jahren. Sprachlich richtig ist "Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen", "Fünfzigerjubiläum" oder "goldnes Jubiläum".

   

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Echo Online

 

Datum: 31.10.2006

Aktuell: 26.03.2016