Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Babylon

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Als 'Ort der Kleinkinder' deuten wohl moderne Jugendliche den Namen der altorientalischen Metropole Babylon. Sie neigen dazu "Bäbilon" zu lesen, wenn sie noch nie etwas davon gehört haben. Richtig ist die Aussprache mit langem A und kurzem Ü und O. Der griechische Name entspricht der ostsemitischen Form Bâb-ilu 'Tor Gottes' oder Bâb-ilâni 'Tor der Götter'.  Allgemein bekannt ist auch der hebräische Name Babel aus der Bibel, dort gedeutet nach hebräisch בלל bálôl 'vermischen'.

Die mesopotamische Hauptstadt galt im Altertum einerseits als Sündenpfuhl ("Sünden-Babel"), andrerseits als Inbegriff einer Weltstadt. Nach ihr wurde auch die Vorgängerin von Kairo in Ägypten benannt. Im Neuen Testament ist Babylon eine Umschreibung für Rom. Die Stadt mit dem verfallenen pyramidenförmigen Tempelturm ("Turmbau von Babel") ist auch ein Symbol für eine multikulturelle Gesellschaft mit vielen Sprachen. Auf Babylons Straßen war ein wahrhaft "babylonisches Sprachengewirr" zu hören.

Mehrsprachigkeit gab es bereits im Altertum. Vor 2000 Jahren sprachen die Ägypter ägyptisch und griechisch, die Römer lateinisch und griechisch, die "alten Deutschen" germanisch und keltisch, später germanisch und lateinisch. Um 200 n. Chr. hörte man in Rom mehr Griechisch als Latein. Die Studenten vor 500 Jahren unterhielten sich in einem Gemisch aus Latein und der jeweiligen Landessprache. Ein schönes Beispiel sind die Juden, in deren religiösen Schriften oft Hebräisch und Aramäisch vermengt wird, die zusätzlich noch die jeweilige Landessprache beherrschen und in Osteuropa eine Mischsprache auf mittelhochdeutscher Grundlage, das Jiddische, entwickelt haben. Babylon war also kein Einzelfall, sondern eher die Regel, schon in der Antike.

Ein modernes "Babylon" ist der indische Subkontinent, auf dem mehr als 600 ethnische Gruppen in einem Staat leben, 415 Sprachen sprechen, mehr als ein Dutzend Schriftarten gebrauchen und in Hunderte von Kasten eingeteilt sind. Wie soll man sich da verständigen? Amtssprachen sind das einheimische Hindi und Englisch. Angeblich 350 Millionen sprechen die Mischsprache Hinglisch (aus Hindi und Englisch), obwohl doch Indien ein uraltes Kulturland mit der 3000 Jahre alten Literatursprache Sanskrit ist. Unser Scheltwort denglisch 'deutsch-englische Mischsprache' ist genauso gebildet.

"Babylon" pur haben wir im Namen der indischen Filmindustrie: Bollywood, einer Kreuzung aus Bombay und Hollywood, den beiden Filmmetropolen in Indien und den Vereinigten Staaten.

   

 

 

 

 

 

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Ortsname Babylon

 

Datum: 07.11.2006

Aktuell: 26.07.2016