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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schalander und Bocksbeutel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nicht immer lassen sich Leserfragen einfach und klar beantworten. Das betrifft auch die Herkunft von Wörtern. Mehr als Vermutungen können wir oft nicht äußern, weil uns für exakte Begründungen die Hintergrundinformationen fehlen. Das zeigen die beiden folgenden Beispiele:

Im Schalander einer Brauerei kann die Belegschaft vespern und sich den Haustrunk schmecken lassen, hier kann es sich auch Laufkundschaft gemütlich machen und das frisch gebraute Bier probieren.
Woher kommt dieses merkwürdige Wort? Manche erklären es mit dem mittelalterlichen Kaland. Das war eine karitative Bruderschaft, die bei ihren monatlichen Zusammenkünften ein üppiges Mahl verzehrte. Kaland nannte man auch das Vereinshaus, in dem die Kalander sich trafen und kaländeten 'schmausten'. Dies entwickelte sich bald zu einer Unsitte, so dass Kaländer die Bedeutung 'Schmarotzer' bekam. Durch die Reformation wurden die Bruderschaften schließlich aufgelöst.
Erinnert also der Schalander an die tafelnden Kalanderbrüder?
Das Sch ist damit aber nicht erklärt. Passen würde italienisch scialare, gesprochen "schalare" 'schlemmen, prassen', was an unser kaländen erinnert, aber auch an mittelhochdeutsch schallieren 'lärmen, singen, ausgelassen sein'. Das ähnliche italienische scialacquare bedeutet 'verschwenden', ursprünglich wohl 'Wasser (acqua) ausgießen'. Ist unser Schalander ein 'Ausschank'? Wer weiß, welche verschlungenen Wege unsre Sprache gegangen ist? Wahrscheinlich haben sich hier mehrere Wörter gekreuzt.

Wein wird normal in Schlegelflaschen, in Franken aber in Bocksbeuteln abgefüllt. Ein Bocksbeutel war um 1690 nach dem Wörterbuch Kaspar von Stielers der 'Hodensack eines Ziegenbocks'. Um 1860 (Grimms Wörterbuch) war ein Bocksbeutelchen eine kleine Trinkflasche, die man in die Tasche stecken konnte, vielleicht eine Art "Flachmann". Das Wort Bocksbeutel wurde aber vor allem im Sinne von 'übertriebenes Festhalten an alten Gewohnheiten' gebraucht und mit einem niederdeutschen Bookesbüdel 'Buchesbeutel' erklärt. Das soll ein Behälter für ein Gesangbuch gewesen sein, aus der Mode gekommen und von den ewig Gestrigen weiter benutzt. Bokesbudel gab es aber schon im Mittelalter, als man noch gar keine Gesangbücher hatte.
Wahrscheinlich kommt das hochdeutsche Wort wirklich von Bock und hat mit der niederdeutschen Buchtasche nichts zu tun. Grimm erwähnt die Redensart "jemand einen Bocksbeutel anhängen" um ihn lächerlich zu machen. Das kann man ganz wörtlich verstehen: eine alberne Unsitte, die bald wieder aus der Mode kam. Die Weinflasche und Grimms "Flachmann" sind also nach ihrer Ähnlichkeit mit dem Körperteil benannt. Vielleicht war der Vorläufer eine lederne Feldflasche.

   

 

 

 

Leserzuschrift:
Schalander war bis in das späte 19. Jahrhundert der Gemeinschafts-Schlafraum der Brauburschen. Sie wurden alle 4- 6 Stunden vom Obermälzer zum Wiedern = Umschaufeln der keimenden Gerste geweckt. Als Nachttrunk gab es Bier aus dem Gemeinschaftskrug (Kaps, Schimmel oder Stoa genannt) mit einem Volumen von etwa drei bayerische Maß.

 

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Echo Online

 

Datum: 28.11.2006

Aktuell: 26.07.2016