Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rentiert sich ein Rentier?

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Für Santa Claus zahlt es sich sicher aus, Rentiere zu halten, sie gehören zu seinem Betriebskapital. Da wäre allenfalls die Frage, wovon der Weihnachtsmann lebt, er verschenkt ja seine Produkte. Für die samischen Rentierzüchter im Norden rechnet sich der Besitz dieser Hirsche anscheinend immer noch, für einen Bewohner anderer Länder ist er eher unrentabel. An einem menschlichen Rentier verdienen Finanzamt und Geschäftsleute. Er ist jemand, der von seinen Renditen leben kann. Rentner dagegen sind meist arme Menschen, die von den Rentenkassen kaum noch ernährt werden können.

Das sind also zwei unterschiedliche Wörter:

Ren-Tier 'eine nordische Hirschart', verdeutlichende Zusammensetzung zu Ren aus altnordisch hreinn. Das Wort bedeutet wie Rind (althochdeutsch hrind) 'Horntier'. Die Namen sind verwandt mit Horn.
Begriffe: Tiere | Sprachecke 25.08.2015

Rent-ier, 'einer, der von seinen Kapitalerträgen leben kann', und Rent-ner, 'einer, der Rente 'Altersgeld' bekommt. Beide bekommen Renten, finanzielle Leistungen. Mittelhochdeutsch rente bedeutete 'Einkünfte' allgemein. Das Wort wurde aus dem Französischen übernommen. Es ist verkürzt aus lateinisch rendita 'Geld, das ein Pächter oder Schuldner zahlen muss', daher unser Wort Rendite 'Ertrag, Zinsen'. Zugrunde liegt lateinisch reddere 'zurückgeben, zurückerstatten'.

Ein daraus weiterentwickeltes lateinisches rendere ergab altfranzösisch rendre 'zurückgeben, von sich geben, abgeben', heute auch in der Bedeutung 'liefern, einbringen, sich revanchieren' und 'sich rentieren'. Schon das Althochdeutsche kannte renton 'aufzählen, darlegen, Rechenschaft ablegen'. Die Kaufleute der Hanse sagten renten 'Gewinn bringen'. Das ist wohl die Quelle unseres rentieren, das zu Beginn der Neuzeit eine "französische" Endung erhielt. Von dem mittelalterlichen Begriff zeugen zwei kirchliche Ausdrücke: Rentamt 'Regionalbehörde, die die Gelder der Gemeinden verwaltet', Rentmeister 'Verwaltungschef einer Kirchengemeinde'.

Eine andere Art Einkünfte aus Kapitalerträgen sind die Zinsen. Früher sagte man dafür Wucher (eigentlich 'Wachstum', verwandt mit wachsen). Das religiöse Recht schützt Menschen in Not und verbietet Juden, Christen und Muslimen, von Glaubensgenossen Aufschlag auf Darlehen zu nehmen. Daher bekam das Wort Wucher den negativen Beiklang 'unverschämte Geldforderungen'. Zinsen waren im Mittelalter die Abgaben an die Herrschaft. Grundlage ist lateinisch census 'Schätzung, Steuerveranlagung', von dem auch die Zensuren 'Bewertungen, Schulnoten' ihren Namen haben. Auch diese können Geld bringen, aber nicht aus Kapitalvermögen, sondern aus dem geistigen Vermögen des Schülers. Gute Leistungen und Noten sind langfristig rentabler als Rentierzucht.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 19.12.2006

Aktuell: 26.03.2016