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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kracher

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bei wilden Schimpansen hat man beobachtet, dass sie bei Gewitter wahre Kriegstänze aufführen, Lärm machen und mit Stöcken und Steinen werfen, als wollten sie gegen den Lärm des Donners ankämpfen und gegen ihre Angst.

Menschen verhalten sich ähnlich. Sie werden laut, wenn sie Angst haben. Ob der alte Brauch des Neujahrsschießens damit zusammen hängt? Ursprünglich soll man mit Vorderladern geschossen haben, deren Läufe mit Papier zugestopft waren. Später verwendete man Feuerwerkskörper. Der Lärm der Kracher und Böller wird heute durch den Lichterzauber der Raketen verdrängt.

Als das Feuerwerk in der frühen Neuzeit bekannt wurde, nannte man die Feuergeschosse Raketen nach dem italienischen Wort rocchetta, racchetta, Verkleinerung von rocca 'Spinnrocken': ein Stab, an dem man die zu verspinnenden Fasern festband. Das italienische Wort stammt aus dem Germanischen (deutsch Rocken). Seit dem 17. Jahrhundert gebraucht man Raketen militärisch, neuerdings auch in der Raumfahrt.

Ein Böller war im Mittelalter eine Art Katapult, mit dem man schwere Brocken schießen konnte. Böller ist abgeleitet von mittelhochdeutsch boln 'drehen, schleudern': Dieses Gerät schleuderte nicht durch eine Explosion, sondern durch eine mechanische Spannung. Später nannte man einen Mörser für schwere Kugeln Böller, dann eine Kanone zum Salutschießen, und schließlich einen Feuerwerkskörper. Ob man das Neujahrsschießen auch als eine Art Salutschießen verstehen kann?

Böller erinnert an eine Anzahl ähnlicher Wörter mit ähnlicher Bedeutung wie ballern 'wiederholt knallen, schießen' (daraus Ballermann 'Handfeuerwaffe'), bollern, poltern 'rumpeln', das familiäre Bollerwagen 'Rumpelwagen' statt Handwagen, Bollermann 'großer Steinbrocken', Ball 'Spielkugel', bellen 'Laut geben'. Dazu griechisch bállein 'werfen', lateinisch ballista 'Wurfmaschine', bulla 'Wasserblase' – alles Wörter mit der Bedeutung 'rund, laut, werfen', die sich gegenseitig beeinflusst und zur Bildung neuer Vokabeln angeregt haben.

Außer den strengen Regeln der Wortableitung (Etymologie) spielen bei der Wortbildung auch andere Motive eine Rolle wie Analogie (Ähnlichkeit mit anderen Vokabeln) und Kreuzung (Überschneidung verschiedener Gedankengänge). Alle diese Ausdrücke werden etwas ungenau als 'lautmalend' bezeichnet: Das sind aber nicht bloß Geräusche, sondern sinnliche Eindrücke überhaupt. Bei ihnen geht man nicht wie bei der Etymologie von Wortwurzeln aus, die nach strengen Regeln verändert werden (Beispiel vom Rocken zur Rakete), sondern von Wortmustern, mit denen wir bestimmte Sinninhalte verbinden (Beispiel b-ll 'rund, laut, werfen'). Die Griechen sagten dafür zutreffend onomatopoiía 'Namenbildung, Wortschöpfung'.

   

 

 

 

 

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Echo Online

 

Datum: 02.01.2007

Aktuell: 18.05.2016