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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Flieger

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Besonders erfolgreiche Menschen nennen wir Überflieger. Wir stellen uns vor, dass sie wie ein Vogel andere "überflügeln", über die hinweg fliegen, die sich zu Fuß abmühen. Gut, dass sie fliegen und nicht fahren, sonst würden sie die Konkurrenten "überfahren" und zu Schaden bringen. Sie kommen dabei nicht nur schnell vorwärts, sondern überspringen auch Stufen auf der Karriereleiter, erreichen rasch eine Spitzenposition – und können genauso plötzlich abstürzen und "auf die Nase fliegen".

Merkwürdig ist, dass dieses Modewort auf über und nicht auf Flieger betont wird. Wir unterscheiden nämlich zwischen überfliegen, überflogen (Ton auf fliegen) 'über … hinweg fliegen' und überfliegen, über geflogen (Ton auf über) 'hinüber fliegen'. Ein Überflieger müsste daher einer sein, der zielstrebig "hinüber fliegt" und sein Ziel erreicht, nicht wer andere "überflügelt" oder gar "überfährt". Das Ergebnis ist dasselbe, aber die Betonung erfordert ein anderes Verständnis.

Flieger gebrauchen wir vor allem im Zusammenhang mit der Luftfahrt: 1. ein Mensch, der fliegt, 2. umgangssprachlich für 'Flugzeug'. Im Neugriechischen und anderen Sprachen (englisch airoplane) steht dafür ἀεροπλάνον aeroplánon 'Luftwanderer' zu ἀήρ aḗr 'Luft' und πλάνος plános 'umherirrend'. Die Franzosen haben avion 'großer Vogel' zu lateinisch avis 'Vogel'. Avion und Flieger, Flugzeug haben also genau das Wesen dieser Maschine erfasst.

Der Deutlichkeit halber nennen wir das Fluggerät nicht Flieger, sondern Flugzeug. Zeug hat hier schon fast den Charakter einer Anfügung wie -tum, -heit bekommen, wir gebrauchen es, um Zubehör zu einer Tätigkeit zu benennen: Werkzeug 'was man für die Arbeit ("Werk") braucht', Spielzeug 'Spielmaterial', Feuerzeug 'Instrument zum Feuermachen', Fahrzeug 'womit man fährt', also Flugzeug 'womit man fliegt'.

Zeug allein hat heute die Bedeutung 'wertloser Kram' und 'Befähigung' ("er hat das Zeug dazu", eigentlich das Werkzeug). Im älteren Sprachgebrauch hat man damit auch Stoff, Textilien ("Bettzeug"), Kleider bezeichnet. Daran erinnert noch die Redensart "jemand am Zeug flicken", ihn kritisieren, eigentlich seine Kleider reparieren.

Abgeleitet ist dieses Wort von ziehen im Sinne von 'etwas hervorbringen', "erzeugen". Die Vokale in diesen Wörtern wechseln wie bei biegen / beugen. Das merkwürdige Nebeneinander von H und G (auch in ziehen / zog) beruht auf einer Eigentümlichkeit des Urgermanischen, wonach die Reibelaute f, s, h, ch je nach Betonung stimmlos oder stimmhaft gesprochen wurden.

Auch das alte Wort Zeug hatte also eine Doppelbedeutung: 1. 'Produkt' (Textilien, wertloser Kram) und 2. 'Hilfsmittel' (Werkzeug, Flugzeug) und in übertragenem Sinne 'die Befähigung, die man als Überflieger braucht'.

   

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Echo Online

 

Datum: 09,01,2007

Aktuell: 26.03.2016