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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lebendige Forellen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was hat eine lebendige Forelle mit den Nibelungen und Burgundern gemeinsam? Alle diese Wörter werden anders als normal betont: " lebéndig, Forélle, Nibelúngen, Burgúnder". Manche Leute sagen aber den Regeln gemäß "Níebelungen".

Normalerweise liegt bei deutschen Wörtern der Akzent auf der Stammsilbe, die die Bedeutung eines Wortes angibt. Das können wir uns deutlich machen an einem Vergleich mit dem Lateinischen: Deutsch Römer und lateinisch Romanus sind abgeleitet vom Stadtnamen Rom, Roma. Im Deutschen betonen wir daher das umgelautete Ö. Im Lateinischen aber liegt der Ton auf dem A ("Románus") oder bei längeren Endungen noch weiter hinten (Romanórum 'der Römer', Romanorúmque 'und der Römer'), also nicht auf dem Wortstamm, sondern auf einer Silbe der Endung. Dass die germanischen Sprachen die Silbe betonen, die die Bedeutung angibt, klingt logisch, ist aber in Europa einmalig: Bei den Franzosen und Türken liegt der Ton am Wortende, bei den Tschechen und Finnen am Wortanfang. Im Englischen, Litauischen, Russischen und Serbischen kann der Akzent auf jeder Silbe liegen.

Im Deutschen aber auch. Die überlieferte Betonung der Stammsilbe gilt nur für alte deutsche Wörter. Die vielen Fremdwörter folgen anderen Regeln, die nicht immer mit der Herkunftssprache übereinstimmen: Aus griechisch philósophos wurde unser "Philosóph". Eine wichtige Regel lautet: Fremdwörter werden auf der Silbe vor der Endung betont und, wenn die Endung weggefallen ist wie bei Philosoph(us), auf der letzten. Oft ist auch die alte Betonung erhalten, besonders in Namen: Der Personenname "Aúgust" steht neben dem Monatsnamen "Augúst", beides aus dem Kaisertitel "Augústus" 'der Erhabene'.

Angefangen hat diese neue Betonung im 16. Jahrhundert, als man die Antike neu entdeckte. Da begann man auf einmal, die Fremdwörter lateinisch zu betonen, man sagte nicht mehr "Káppel", sondern "Kapélle" (lateinisch "capélla"). Die neue Regel hat auch auf deutsche Wörter übergegriffen: Daher sagen wir "Nibelúngen, Burgúnder" statt "Níbelungen, Búrgunder", obwohl diese Namen germanisch sind und von Nebel und einem alten Wort für 'hoch sein' abgeleitet sind (verwandt mit Berg, Burg).

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Noch älter ist die Betonung "lebéndig": Das zweite E war ursprünglich lang, so dass man im Mittelalter "läbbeendig" sagte und die zweite Silbe stärker akzentuierte. Bei der hessischen Aussprache von Meerrettich als "Märrreedich" haben wir die Lautfolge heute noch. Ähnlich war es bei Forelle, Hornisse (mittelhochdeutsch forhel, hornuz zu einem alten Fischnamen forh- und zu Horn, hier 'Fühler'): Auch hier scheint die zweite Silbe lang gewesen zu sein, so dass man "Fórheel, Hórnuuß" sagte mit Nebenton auf der zweiten Silbe.

 

weitere Beispiele: shess.

'Brẹnnēßel

shess. lɐƀẹndiǵ mit zu a reduziertem ɛ.

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Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 16.01.2007

Aktuell: 26.03.2016