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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Spritzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Da war mir's doch heftig reingefahren ins Schultergelenk. Plötzlich hatte ich Schmerzen und konnte den Arm nicht mehr heben. Die Ärztin sah sich das an und meinte, das sei eine Entzündung und sie wolle mich quaddeln. "Machen Sie mal Ihren Oberkörper frei." Verständnislos schaute ich sie an. Ihre Erklärung gab sie mit der Spritze: Sie hat die ganze Ladung nicht wie gewohnt an einer Stelle in den Körper gepresst, sondern an mehreren, wie ein Schnakenschwarm an mehreren Stellen zusticht und Quaddel 'schmerzhafte Insektenstiche' hinterlässt.

Quaddeln ist also eine Sonderform von Injektion oder Spritze. Dieses Wort wird seit dem 17. Jahrhundert auch für ein medizinisches Instrument verwendet, zuerst für die Klistierspritze, mit der man Einläufe in Körperöffnungen macht, später auch zur Vornahme von Injektionen. Der Name des Instruments wurde schließlich auf den Vorgang selbst übertragen: Die Ärztin hat mir schon einige Spritzen gegeben, ich bekam aber diesen Gegenstand nie in die Hand.

Ursprüngliche Bedeutung des Wortes war aber 'Feuerspritze' (15. Jahrhundert sprütze), eine Art Pumpe, mit der man Wasser ins Feuer "wachsen lassen" konnte. Ich gebrauche bewusst diese saloppe Umschreibung, denn spritzen (alt sprützen) ist eine Ableitung von sprießen 'hervorwachsen'. Tz statt ß ist eine Verschärfung des Lautes, die andeutet, dass die Flüssigkeit nicht von selbst sprudelt, sondern durch äußere Einwirkung (bewirkende oder faktitive Bedeutung) und durch erhöhten Druck (intensiviert). Ähnlich gebildet sind hassen / hetzen (bewirkend), heiß / Hitze, Schweiß / schwitzen (Wortarten), saß / sitzen (Stammformen).

Von der Feuerspritze zur Injektion – ein lehrreicher kulturgeschichtlicher Ausflug. Genauso interessant ist das Wort impfen, ursprünglich ein veralteter Ausdruck der Pflanzenveredlung: Man schneidet den Wildling ab, spaltet die Rinde und setzt entweder ein Edelreis in die Wunde (pfropfen) oder auch nur ein "Auge" (okulieren). Grundlage ist lateinisch imputare aus griechisch ἐμφυτεύειν emphyteúein 'einpflanzen'.

Ähnliches geschieht bei einer medizinischen Impfung: Man "pflanzt" in den Körper einen geschwächten Krankheitserreger, sozusagen als Trainingsobjekt für unser Immunsystem. Hat es erst einmal gelernt, ein harmloses Kuhpockenvirus unschädlich zu machen, wird es auch mit den gefährlichen Menschenpocken fertig. Dieses "Einpflanzen" wird heute noch zum Teil mit einem Messer (Skalpell) vorgenommen – wie beim Impfen der Pflanzen.

Die Pocken waren die erste Krankheit, bei der das Impfen geholfen hat, eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Ursprünglich sagte man dazu inokulieren 'ein Pflanzenauge einpfropfen'. Wenig später aber hat sich impfen durchgesetzt.

   

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Echo Online

 

Datum: 30.01.2007

Aktuell: 26.03.2016