Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Buchen und Bücher

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Eine Grundschulklasse wollte es genau wissen: Was haben Buchenbäume mit Buchstaben und Büchern zu tun?

Von dem römischen Schriftsteller Tacitus stammt die Überlieferung, die Germanen hätten Holzstückchen mit Zeichen markiert, sie auf ein Tuch geworfen, drei davon aufgelesen und aus diesen Zeichen versucht die Zukunft zu deuten. (Germania 10)

Tatsächlich hatten die Germanen eine eigene Schrift, die Runen, die sie in Holz, Metall oder Stein schnitten, weniger um damit Briefe zu schreiben, sondern um ihren Besitz zu kennzeichnen, Waffen durch Zaubersprüche wirksam zu machen oder auch um zu wahrsagen. Für das Schreiben sagte man wrîtan 'ritzen', daher englisch to write 'schreiben', für das Lesen wahrscheinlich rêdan 'einen Rat geben, eine Auskunft einholen', daher englisch to read 'lesen'.

Daneben kannte man die lateinische und griechische Schrift, die mit Tinte auf Pergament oder auf hölzerne Täfelchen gemalt wurde. Ein ganzes Archiv hölzerner Tafeln wurde in Vindolanda am Hadrian's Wall an der schottischen Grenze gefunden. Germanen in römischen Diensten mussten wohl auch römische Briefe schreiben oder lesen, aber nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Lateinisch. Für Dokumente auf Germanisch hatte man zunächst keinen Bedarf.

Das änderte sich, als die Goten in Osteuropa Christen wurden. Ihr Bischof Ulfilas (311-383) übertrug Teile der Bibel in seinen Heimatdialekt und schrieb seine Übersetzung mit Tinte auf Pergament. Er benutzte dafür aber nicht das griechische oder lateinische Alphabet, das zur Wiedergabe der germanischen Laute wenig geeignet war, sondern eine abgewandelte gotische Runenschrift. In dieser Übersetzung steht die Mehrzahl bôkos für 'Schriftwerk, Brief, Urkunde', die Einzahl bôka an einer einzelnen Stelle für 'geschriebener Text'. Bôko, althochdeutsch buocha war das germanische Wort für den Buchenbaum, für das Schriftwerk sagten die Westgermanen bôk, buoch, heute Buch. Wahrscheinlich haben die Goten dieses Wort von den Westgermanen übernommen. Dort bezeichnete es eine hölzerne Schreibtafel, auf der lateinische Texte geschrieben waren. Hölzerne Gegenstände benannte man gern nach der Holzart, aus der sie gemacht waren: ask bedeutete 'Esche, Speer', linta 'Linde, Schild'.

Für das 'Schreiben' haben unsre Vorfahren das lateinische scribere übernommen, die Goten sagten dazu mêljan, das unserm malen entspricht. Für die Texterkennung sagten die Goten anakunnan 'erkennen' oder ussingwan 'rezitieren'. Im Westen hat man das lateinische legere, eigentlich 'aufheben' mit lesen übersetzt. Die einzelnen Schriftzeichen nannte man Buchstaben. Stab war der senkrechte Grundstrich des Zeichens. Den Querstrich nannten die Goten writs 'Ritz'.

   

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Etymologie "Buch"

Sprachecke 13.02.2007 | 26.07.2011 |  07.05.2013 | 07.05.2013

 

Datum: 13.02.2007

Aktuell: 16.02.2018