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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

Des Kräppel Häärche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Frankenhäuser Mundartdichter Bernhard Kraft erzählte in den 20er-Jahren in dem Gedicht "Des Kräppel Häärche", wie ein alter Mann beim Kräppelbacken zu viel Hefe genommen hatte und einen ganzen Sack Mehl dazuschütten musste, damit der Teig geriet. Die Geschichte ist sprichwörtlich geworden für ähnliche gestörte Mischungen: "Dem geht's wie dem Kräppelhäärche."

"Die Faßnacht, wo die Kräppel überall floriern", sah ich in Darmstadt in einer Bäckerei dieses leckere Gebäck und sagte: "Sechs Kräppel bitte." Die Verkäuferin sah mich ganz erstaunt an und fragte: "Meinen Sie Berliner"? Der alte Ausdruck Kräppel gerät also langsam in Vergessenheit.

Kräppel ist eine Verkleinerungsform von Krappen, hochdeutsch Krapfen. Die hessischen Kräppel waren ursprünglich viereckig und hatten einen Einschnitt oder ein ausgestochenes Loch in der Mitte und wurden in der Pfanne in Fett gebacken. Goethe hat sie sehr gelobt. Ähnlich zubereitet werden die Berliner Pfannkuchen, die bayrischen und fränkischen Krapfen, die in der Mitte flach sind und einen dicken Rand haben, die ballenförmigen rheinischen Kräppel, die schwäbischen Fasnetküechle und die fladenförmigen Schweizer Fastnachts-Chüechli. Diese erinnern an die französischen Crêpes, die in Burgund krapyú, krepyó heißen. Das Wort kommt schon um 1200 in Klosterrezepten als craphun vor.

Das zugrunde liegende Wort krapp bedeutet im Rheinischen 'vertrocknet, verkümmert, verschrumpelt, knusprig gebacken'. Es ist nicht nur in der Küche, sondern auch im Obst- und Weinbau gebräuchlich.

Ein Kräppelhäärche war ursprünglich kein Mann, der Pech beim Kräppelbacken hatte, sondern ein altersschwacher Greis mit krummem Rücken, der also aussah wie ein "Krappen". Das ist das hessische Wort für 'Haken, vierzinkige Hacke'. Das Häärche, hochdeutsch Herrchen war der alte Landwirt, der zusammen mit seiner Frau, dem Fraa'che auf dem Altenteil des Bauernhofs lebte. Die Hofinhaber waren gegenüber dem Gesinde der Herr und die Frau oder Madame, die Altenteiler der 'kleine Herr, die kleine Frau', das Herrchen und Frauchen. Mit Häärche, Fraa'che wurden die alten Leute auch angesprochen: "No, Häärche, wie veel Hewe braucht Ihr zum Backe heit?" Im Mund der Enkel bekamen diese Wörter die Bedeutung 'Großvater, Großmutter'.

Bernhard Kraft hat aus dem merkwürdigen Ausdruck Kräppelhäärche eine Geschichte herausgesponnen und damit dem Wort eine neue Bedeutung gegeben. Sein Gedicht war noch in den 70er-Jahren im Ried und im Odenwald in mehreren Fassungen bekannt, die erheblich von einander und vom Original abwichen. Das zeigt, wie schwer es ist, einen Text fehlerfrei im Gedächtnis zu bewahren, den man vor Jahrzehnten kennen gelernt hat.

Dialektlandschaften:

(Wortatlas der Deutschen Umgangssprache Karte 61)

Niedersachsen, Schleswig-Holstein: Berliner

Nordrhein-Westfalen: Berliner Ballen

Ostdeutschland: Pfannkuchen

Pfalz, Hessen, Thüringen: Kräppel

Bayern, Österreich: Krapfen

Pfalz: Fastnachtsküchelchen

Südwesten: Fastnachtsküchle

deutsche Schweiz: Fastnachts-Chüechli, Chräpfli, Chräbeli

französische Schweiz: merveilles de carnaval

italienische Schweiz: fritelle di carnevale

 

 

 

 

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Übersicht

 

Echo Online

Text Original und Überlieferung

Etymologie Krappen

 

Datum: 20.02.2007

Aktuell: 11.04.2016