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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bekleidete Begleiter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Gerade bin ich über einen Schreibfehler gestolpert: "Der Polizist bekleidete den Betrunkenen nach Hause". Der Ordnungshüter trug Uniform, er war ja im Dienst und "bekleidete" ein Amt. Den er nach Hause "begleitet" hatte, war zwar nicht nackt, aber in einem Zustand, bei dem man befürchten musste, dass er den Heimweg nicht mehr fand: Zwei Wörter, die wir leicht verwechseln, manchmal gedankenlos und oft auch, weil wir den Sinn der Redewendung nicht mehr verstehen.

Bekleiden kommt ganz klar von Kleid und bedeutet 'jemand ein Kleidungsstück geben oder anziehen'. Zu den klassischen Werken der Barmherzigkeit gehört "Nackte bekleiden" wie der heilige Martin den Bettler. An Fastnacht waren viele mit einem närrischen Kostüm "bekleidet", der besagte Polizist aber mit einer Uniform. Aber wieso sagen wir "er bekleidet ein Amt"?

Das hängt mit der alten Sitte zusammen, dass ein Amtsträger eine besondere Kleidung trägt, an der man ihn erkennen kann, Ornat, Robe, Talar, Uniform. Wenn jemand in ein hohes Amt eingesetzt wurde, bekam er seine Amtstracht angezogen zum Zeichen dafür, dass er jetzt diese Stellung innehatte. Ein bekanntes Beispiel ist die Krönung eines Monarchen.

Im Mittelalter stritten sich Kaiser und Papst, wer das Recht hatte, die Bischöfe einzusetzen und zu "bekleiden". Das war der "Investiturstreit", zu lateinisch investitura 'Einkleidung mit der Amtstracht'. Wenn wir heute bekleiden im Sinne von 'ein Amt ausüben' gebrauchen, dann hat sich der Sprachgebrauch etwas verändert: Früher wurde der Amtsträger symbolisch mit seiner Robe bekleidet, heute legen wir Wert darauf, dass er sein Amt nicht nur angetreten hat, sondern ausübt, aber wir sagen nicht: "Er bekleidet sich mit seinem Amt", sondern "er bekleidet sein Amt."

Seit dem 19. Jahrhundert gebrauchen wir investieren 'einkleiden' im Sinn von 'Kapital anlegen', weil wir dabei das Geld zu einem bestimmten Zweck "einsetzen" wie einen Menschen in sein Amt.

Und woher kommt begleiten? Nicht von gleiten 'rutschen', sondern von geleiten 'mit jemand gehen' und weiter von leiten 'führen. Der Polizist ging also mit dem Betrunkenen nach Hause.

Wenn jemand ein hohes Amt innehat, dann umhüllt er sich nicht nur mit besonderen Kleidungsstücken, sondern er umgibt sich mit einem Schwarm von "Begleitern", Lakaien, Dienern, Vasallen, Beratern, Personal. Einen wichtigen Posten im Mittelalter hatte der Graf, lateinisch comes, eigentlich 'Begleiter' (zu comire 'mitgehen'), davon französisch comte 'Graf', comtesse 'Gräfin'. Der Graf war ursprünglich kein Landesherr, sondern ein Hofbeamter (wohl zu griechisch γραφεύς grapheús 'Schreiber'). Er war also ein "Begleiter" des Königs und "bekleidete" einen Verwaltungsposten.

   

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Echo Online

Begriffe Kleider | Sprachecke 12.02.2012 | 01.04.2014

 

Datum: 27.02.2007

Aktuell: 26.03.2016