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Heinrich Tischner

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Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ärzte haben manchmal eine merkwürdige Art, sich auszudrücken. So sagen sie Stuhl und meinen die Darmausscheidung. Zu meiner Verwunderung las ich in einem medizinischen Untersuchungsbericht, dass man dafür auch auf Englisch stool sagt. Wie kommt es zu dieser seltsamen Bedeutung?
Das erklärt das Wort Stuhlgang 'das Gehen zum Abortsitz', eine verhüllende Umschreibung. Im 14. Jahrhundert ist dafür der Ausdruck "ze stuole gân" 'zum Stuhl, Abtritt gehen' überliefert, im 15. Jahrhundert Stuhlgang im Sinne von 'das Ausscheiden' und seit dem 16. Jahrhundert im Sinne von 'das Ausgeschiedene, Kot'. Schon im 15. Jahrhundert lässt sich die Kurzform Stuhl 'Kot' nachweisen.

Der fränkische Geschichtsschreiber Fredegar berichtet, dass um 600 der Prinz Gundoald ermordet wurde, "während er "in faldaone" saß, um "seinen Leib zu reinigen". Dass falda 'Abort' bedeutet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. Aber was ist das für ein Ausdruck?
Dieses Wort begegnet uns wieder in französisch fauteuil 'Lehnstuhl, Sessel', entstanden aus germanisch faldastôl, althochdeutsch faldistuol. Das bedeutet nicht 'Faltstuhl' oder gar 'Klappstuhl'. Ein Sitz mit Rücken- und Armlehnen ist ja ein gewisser Luxus. Gewöhnliche Leute saßen auf einfachen Bänken oder Hockern. Der komfortable Sessel ist sozusagen mit drei "Zäunen" umgeben, das war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (mittelniederdeutsch valde 'Umzäunung', altenglisch fald, englisch fold 'Schafspferch').
Gundoalds falda war also ein umzäunter Raum, ein Klosett (französisch 'eingezäunter Raum'). Unser Abort dagegen bezeichnet einen 'abgelegenen Ort'.

Stuhl bedeutet allgemein 'Gestell'. Das zeigen Ausdrücke wie Glockenstuhl 'Gestell, an dem die Glocken aufgehängt sind', Dachstuhl 'hölzerne Unterkonstruktion des Dachs', Webstuhl 'Gerät zum Weben'. Das entsprechende russische стол stol (gesprochen "ßtou") bedeutet 'Tisch', den Sitz nennt man стул stul ("ßtul"), wohl aus dem Deutschen.
Das englische stool bedeutet in erster Linie 'Hocker', nicht 'Kot'. Für die bessere Ausführung mit Rückenlehne sagt man chair, für den bequemen Sessel armchair. Das Wort kommt von altfranzösisch chaiere 'Lehnstuhl, Thron, Abort'. Das heutige chaire bedeutet 'Predigtstuhl, Kanzel, Lehrstuhl, Katheder'. Für den gewöhnlichen Stuhl sagt man dagegen chaise, beides aus lateinisch cathedra und dieses aus griechisch κα
θέδρα kathédra zu καθέζειν kat-hézein 'niedersitzen'. Die Älteren kennen noch die Chaise 'Art Kutsche' und das Chaiselongue 'langer Stuhl, Art Sofa'.

Stuhl war in der alten Sprache auch Name für den Prunksessel des Herrschers, den Thron (aus griechisch θρόνος thrónos 'Sessel', dazu θρνος thrânos 'Bank, Schemel'). Stuhl ist also ein sehr umfassendes Wort, vom Edlen bis zum Gemeinen.

   

 

 

Leserbrief:

Ein Leser schrieb zum Stichwort Klosett folgendes:

Schon lange suche ich Klosett zu enträtseln; fand im Brockhaus Conversations-Lexikon von 1882 bei Klosett Hinweis Abort. Dort auf Abhandlung von 1866: "Ober Wert und Unwert der Water-Closets" mit der Nachricht: "Das Water-Closet ist eine englische Erfindung." Dort gilt Sir John Harington als Erfinder, ein Hofkavallier, der sich 1596 eine eigene Anlage und eine zweite in Queen Elisabeths Palast in Richmond baute. Er führte Wasser aus dem Dorfbach zu, jedoch die Art seines Aborts ist weder gezeichnet noch genau beschrieben. Offenbar fand er keine Nachahmer, zumal mindestens 250 Jahre vor möglich erster Haus-Wasser-Installation.

In England wollte ich in den 60er-Jahren die Entwicklung vom erdgleichen Abort zum sprachlich unklaren Klosett erkunden. Wasserversorgung war schon früh überall geregelt durch umgebende Wasservorkommen: Flüsse, Quellen, Brunnen. Europa verdichtete sich in seinen Städten, wo mehrgeschossig gebaut und gewohnt wurde. Europäisches Wohnen in Städten wurde infolge der Verdichtung erst im 19.Jh. stadtplanerisch überlegt und kanalisiert. Dazu benutzte man die älteste technische Erfindung der Menschheit, das Rohr; ursprünglich nur zum horizontalen Wasser-Transport mit leichtem Gefälle gebraucht. Älteste Rohre sind ausgehöhlte Baumstämme, die wir in archäologischen Sammlungen bewundern. Der langen Führungen wegen, wurden sie zugespitzt, ineinander gesteckt und verpicht. Die erste Dichtung wasserführender Holzrohre war erfunden. Wasser über große Entfernungen zu leiten, leisteten schon früh kilometerange antike Aquädukte aus Steinen gebaut. Dann lernte man, Ton zum Rohr formen + zu brennen, Unbekannt ist, wann Mehrgeschoss-Häuser in jedem Geschoß einen Abort haben konnten. Fäkal-Gewicht +Transport erfordern senkrecht installierte Rohre, english pipes, deren technische Bewältigung bestimmte Längen, zwecksichernde Muffen und deren Dichtung forderten. Erst verwendete rauhe Innenwandung verstopften, brauchten eine glatte Innenglasur.
In englischen Hotels störten abseits gebaute Aborte. Erst als ein Erfinder das Rohr durch einen Wasserbehälter schloß, vor Erfindung der Haus-Wasserleitung, gab es in Hotels eine bald verbreitete Neuerung. Das war nicht die vielgepriesene Wasserspülung, aber die Idee, üblen Geruch in Flur und Zimmer zu verhindern. Jeder schimpfte auf "the stinking pipe". Den Hotels war wichtig, ihren Gästen kurz zu erklären, daß hier übler Geruch ausgeschlossen ist, durch ein diskretes Schild am Eingang: BY WATER CLOSED, das geruchführende Rohr 'durch Wasser verschlossen'. Auch internationale Hotels in Frankreich zeigten den englischen Hinweis, aus dem zuerst mangels Sprachkenntnis, das wichtigste "by" weggelassen wurde. Kontinentale Gäste erfanden in leichtfertiger Sinnänderung das Wasser-Klosett, dann auch WC; französisch und englisch sinnlos, ein europäisches Unwort! Leider fand ich keine Beschreibung oder Zeichnung zur Art, das Rohr durch Wasser zu verschließen, gleichzeitig erhaltener Transportfunktion. Technisch möglich war das, aber das Wie soll nicht spekuliert werden. überlebte Technik verschwindet schnell.

Meine Antwort:

In Kluge, Etymologisches Wörterbuch (24. Auflage elektronisch) wird das, was Sie schreiben, ungefähr bestätigt:

Klosett (19. Jh.). Entlehnt aus ne. water-closet, eigentlich "abgeschlossener Raum mit Wasser". In England gab es Toiletten mit Wasserspülung schon seit dem Ende des 16. Jhs., während anderenorts dieser schon römische Brauch aufgegeben worden war. Der Geruchabschluß durch den Siphon ebenfalls aus England im 18. Jh., die Bezeichnung als water-closet schon etwas früher (in der Patentschrift water-closed, gemeint war dabei der Geruchsabschluß durch Wasser). In Deutschland werden diese Neuerungen zunächst als zu kostspieliger technischer Aufwand angesehen; doch setzen sie sich langsam durch. Die Bezeichnung ist zunächst Wasserclosett (nach englischem Vorbild auch abgekürzt als WC), dann Wegfall des Bestimmungsworts und häufige Kürzung zu Klo. Die Endbetonung von Klosett basiert auf einer Französisierung (frz. closet "abgeschlossener Raum" ist Grundlage des englischen Wortes).

Ich kann dieses Durcheinander von closed und closet leider nicht entwirren. Da haben sich wohl zwei Gedanken überkreuzt: 1. Die Einrichtung ist geruchfrei durch Wasser abgeschlossen, 2. Der abschließbare Raum hat Wasseranschluss. Sprachlich ist beides unbefriedigend. Man tut sich bei technischen Neuerung ja oft schwer, die Besonderheit zu formulieren, siehe Automobil 'Selbstfahrer' (treffender wäre "Motorwagen"). Ich nehme zur Kenntnis, dass closet zunächst ein englisches Wort war und "klóuset" gesprochen wurde, auch wenn es französischen Ursprungs ist.

Englisch closet war in der Bedeutung 'privates, nicht öffentliches Zimmer' schon im 14er-Jahrhundert gebräuchlich, das zugrunde liegende altfranzösische closet ist seit 1309 bezeugt und bedeutete 'kleines closis (eingezäuntes Grundstück)'. Ich vermute also, dass das englische Wort eine Parallelbildung ist, bei der die romanische Endung -et nicht wie sonst eine Verkleinerung bezeichnet, sondern einen Ort (lateinisch clausetum 'abschließbarer Ort'). Dagegen: cabinet 'kleine Kabine'.

Dass auch to close 'schließen' lateinische Vorfahren (clausum) hat, ist Ihnen wohl bekannt.

Die hölzernen Wasserrohre (Teucheln) gab es auch bei uns. In Georgenhausen wurde das Hofgut durch eine solche Leitung versorgt, Reste davon hat man vor ein paar Jahrzehnten gefunden. Die Leitung soll noch in den 30er- oder 40er-Jahren in Betrieb gewesen sein. Es wird erzählt, dass böse Buben am anderen Ende Frösche hineingesetzt hätten

 

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Echo Online

 

Datum: 10.04.2007

Aktuell: 26.03.2016