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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Das gescheiterte Vorhaben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Das Projekt konnte nicht realisiert werden, weil das Team nur minimal kommunizierte. Als man endlich des Nachts den Flop realisierte, sagte ein Teamer: In kurzem müssen wir das kommunizieren."

Schlechtes Deutsch, zugegeben, voller Fremdwörter, die vielleicht falsch gebraucht werden. Dasselbe ließe sich auch gemeinverständlich auf Deutsch ausdrücken: "Das Vorhaben konnte nicht verwirklicht werden, weil die Gruppe sich zu wenig austauschte. Als man endlich des Nachts merkte, dass nichts draus wurde, sagte ein Mitarbeiter: Demnächst müssen wir das der Direktion melden."

Ich möchte mich jetzt aber nicht über den Gebrauch von Fremdwörtern ereifern, wenn man dasselbe auch auf Deutsch sagen kann. Sondern ich möchte ein paar Fragen beantworten, die mir gestellt wurden:

Realisieren ist abgeleitet von englisch to realize 'wahrnehmen, als Realität, Wirklichkeit erkennen' und 'wahr machen, Realität werden lassen, verwirklichen'. Beide Bedeutungen sind auch im Deutschen gebräuchlich, obwohl wir dafür ja die deutschen Wörter erkennen, merken, einsehen; verwirklichen haben. Die zwei Wörter im obigen Text werden also richtig gebraucht.

Kommunizieren kommt von lateinisch communicare 'etwas gemeinsam tun, an etwas Anteil haben, teilnehmen, sich besprechen, benachrichtigen, zum Abendmahl (Kommunion) gehen'. Das Wort bedeutet im Deutschen 'in Verbindung stehen' (wie die kommunizierenden Röhren in der Physik), 'zum Abendmahl gehen', 'miteinander reden' und 'mitteilen, bekannt geben': "Wir müssen das kommunizieren". Diese Bedeutung scheint aus dem Englischen zu stammen und erinnert an das französische communiqué 'amtliche Mitteilung'. Das französische communier bedeutet aber nur 'in Verbindung stehen, zur Kommunion gehen'. Und warum sagen wir mitteilen? Dieses Wort hatte früher eine weitere Bedeutung: 'jemand einen Teil abgeben, an etwas teilhaben lassen', daher auch 'eine Nachricht weitergeben'.

Des Nachts ist eine eigenartige Formulierung, weil "die Nacht" weiblich ist. Nachts ist kein Genitiv, sondern ein Adverb auf -s wie in abends, stets, flugs, nirgends. Statt "abends" kann man auch sagen "während des Abends" oder kurz "des Abends". "Des Nachts" ist eine Kreuzung zwischen dem Adverb "nachts" und der grammatisch richtigen Genitivverbindung "während der Nacht".

In kurzem 'bald' gehört zu den Ausdrücken, die man nach den neuen Rechtschreibregeln groß oder klein schreiben kann. Das gilt jedenfalls für bis vor kurzem / Kurzem. Aber in kurzem ist nicht üblich. Ein Leser hat es in einer Bibel als wörtliche Übersetzung einer griechischen Wendung gefunden. Luther verwendet das elegantere in Kürze, das schon im Mittelhochdeutschen vorkommt.

   

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Echo Online

 

Datum: 17.04.2007

Aktuell: 26.03.2016